Die Begegnung von Wissenschaft und Spiritualität – Eckhard Kruse

GeistTextWissenschaft und Spiritualität stehen keineswegs in Widerspruch zueinander, sondern können sich wunderbar ergänzen, um ein umfassendes, für uns Menschen aussagekräftiges Bild der Welt und unseres Daseins zu entwickeln. Das ist gewiss keine neue Feststellung, viele kluge Köpfe aus Wissenschaft und Spiritualität liefern immer wieder gute Gründe dafür; und vermutlich werden auch Sie, liebe Mystica-Leserin, lieber Mystica-Leser, dem zustimmen?

Von Eckhard Kruse

 

Der Blick in unsere Welt bietet leider ein anderes Bild: Spiritualität spielt in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Bildung und den Medien kaum eine Rolle, sie wird ignoriert, oft als unwissenschaftlich oder naiv-abergläubisch abgelehnt oder bestenfalls als „Privatvergnügen“ gesehen. Dabei scheint mir Spiritualität eine unverzichtbare Voraussetzung zu sein, um viele globale Probleme nachhaltig zu lösen.

 

Das Weltbild bestimmt das Handeln

Unser Weltbild bestimmt (bewusst oder unbewusst) unser Handeln: Wer die Welt in einem engen, neo-darwinistischen Sinn für eine Überlebenskampfarena der Evolution hält, wird einen egoistischen Jeder-gegen-jeden-Kampf – egal ob auf persönlicher Ebene oder zwischen Nationen – für folgerichtig und „natürlich“ halten. Wenn die Wissenschaft die Welt auf Materie reduziert und Bewusstsein und Geistiges als Illusion abtut, liefert sie die perfekte Begründung für Wirtschaft und Politik, menschliches Wohl über den Besitz und Konsum materieller Dinge zu definieren und Wirtschaftswachstum als Selbstzweck und sinnstiftend zu preisen. Dabei wird die Wissenschaft oft selbst zum Handlanger dieses materialistischen Prinzips: Ein Drittel der deutschen Forschungsausgaben fließt in die Autoindustrie. Ergebnis: weniger Spritverbrauch?  nein, größere Autos. Die Idee, einmal reichliche Fördermillionen in Bewusstseinsforschung zu stecken, ist leider kaum von Politikern zu hören.

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Schuwi und Eso

Als plakative Vertreter aus Schulwissenschaft und Spiritualität/Esoterik (ein Begriff der leider fast zum Schimpfwort verkommen ist), spreche ich gerne von „Schuwi“ und „Eso“. Beide haben sehr unterschiedliche Zugänge zur Welt und ihre Begegnung ist oft schwierig. Doch wenn beiden ein guter Austausch gelingt, lässt sich viel erreichen.

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Wir haben Schuwi viel zu verdanken: rasante technische Entwicklungen, Industrialisierung, Medizin, ein komfortables Leben, Autos, Fernsehen und Internet. In der Folge scheinen viele Menschen zu glauben, wenn es um weitere Verbesserungen unseres Daseins geht, brauchen wir einfach noch mehr von diesen Dingen; Nebenwirkungen wie Umweltzerstörung, soziale Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Kriege lassen sich bestimmt irgendwann mit noch mehr Technik, Wissenschaft und Wirtschaftswachstum lösen.
Doch was echte Entwicklung bedeuten kann, zeigt uns die Natur: Die Raupe wird nicht immer größer und dicker, sondern verwandelt sich in etwas Neues, Schöneres, den Schmetterling. Wenn die grundlegenden materiellen Bedürfnisse befriedigt sind, muss für das weitere Wohl der Menschen vielleicht nicht die Wirtschaft wachsen, sondern Liebe, Bewusstsein, Achtsamkeit, Gemeinschaftsgefühl und Kultur. Dafür brauchen diese Aspekte allerdings Platz in unserem Weltbild.

 

Das ganze (Welt-)Bild

Das folgende Bild zeigt wichtige Ebenen unseres menschlichen Daseins, von materiellen Aspekten, wie sie die Physik und andere Naturwissenschaften behandeln, bis hin zu geistigen Vorstellungen, mit denen sich typischerweise Religion und Spiritualität beschäftigen: Erde und Himmel, gewissermaßen.
Wenn Schuwi und Eso die Welt erklären, nähern sie sich ihr aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und oft genug reden sie schon deshalb aneinander vorbei, weil sie gleiche Begriffe für unterschiedlichste Phänomene benutzen.

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Schuwi hat bei seinem Versuch die Welt zu erklären, eine klare Strategie: Alle Phänomene der Welt sollen sich letztlich auf die Materie und ihre Wechselwirkungen, auf die Physik zurückführen lassen. So sagen Neurowissenschaftler etwa, Bewusstsein sei nichts anderes als die elektromagnetischen und biochemischen Rechenprozesse unseres Gehirncomputers. Diese reduktionistische Vorstellung ist verlockend einfach, prägt das wissenschaftliche Denken, ist geradezu zum Dogma verkommen – obwohl zahlreiche Argumente dagegen sprechen. Wenn das Bewusstsein nur eine Gehirnfunktion ist, wie erklären sich dann äußerst lebendige Nahtoderfahrungen bei inaktivem Gehirn?

Trotz intensiver Forschung ist keine der höheren Ebenen bislang allein durch Materie und Physik erklärbar. Schon beim Leben scheitern diese Bemühungen, die Biologie hat nicht einmal eine vollständige Definition, was Leben überhaupt ist. Wie schwer greifbar der Übergang zwischen Leben und Nicht-Leben ist, zeigt sich bei wichtigen ethischen Fragen, von der Abtreibung bis hin zum Todeszeitpunkt eines potenziellen Organspenders. Auch wenn es um die Erklärung der Evolution, der Intelligenz von Lebewesen oder das Phänomen der Liebe geht, gibt es nur unvollständige Antworten. Wer als Mensch die Liebe verstehen und gestalten möchte, wird mit biologischen Erklärungen zur Arterhaltung kaum weiter kommen.

Bei den obersten Ebenen, bei Fragen zur geistigen Welt, zu Gott und Transzendenz wird es für Schuwi plötzlich wieder ganz einfach: Gibt’s nicht!  Dabei spricht auch hier vieles dafür, dass wir Lebewesen auf Ebenen miteinander verbunden sind und Zugriff zu Informationen erlangen können, die sich innerhalb des heutigen naturwissenschaftlichen Weltbildes kaum erklären lassen. Man muss dazu nicht einmal spirituelle Erfahrungen, Medialität oder Paranormales ins Feld führen, schon das Geschehen in systemischen Aufstellungen ist eine echte Herausforderung.

 

Sinnstifter gesucht

Die Bedeutung von Sinn und Werten streitet Schuwi kaum ab, doch erklärt er sich meist für nicht zuständig. Eine merkwürdige Antwort!  Wenn die Wissenschaft beansprucht, ein vollständiges Bild unserer Welt zu liefern, könnte man doch erwarten, dass sie zu Fragen, die für uns Menschen im Leben oft am allerwichtigsten sind, irgendetwas zu sagen hat?

Vielleicht sind wir alle in gewisser Weise Opfer einer posttraumatischen Belastungsstörung der Wissenschaft. Bis vor wenigen Jahrhunderten hatte die Kirche das Sagen und erklärte mit ihren Dogmen die Welt, die so oft in deutlichem Widerspruch zur beobachteten Wirklichkeit standen, von der Bewegung der Erde um die Sonne bis zur Vorstellung, wie Menschen Sexualität leben. Mit der Aufklärung und Loslösung von der Religion wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Nicht nur unsinnige Dogmen wurden verabschiedet, sondern die gesamte Vorstellung einer geistigen Seite der Welt, einschließlich der Fragen nach Sinn, Transzendenz und Anbindung der Menschen an Größeres, war plötzlich suspekt.

Wenn die Wissenschaft für Sinn- und Daseinsfragen nicht zuständig ist und die Religionen in der westlichen Welt kaum mehr gehört werden, wollen wir es der Werbeindustrie überlassen, uns zu sagen, was wir für unser Wohlergehen benötigen?

 

Eso-Unsitten

Wo Schuwi Geistiges zum Nebeneffekt der Materie degradieren möchte, macht Eso es oft umgekehrt: Der Geist ist alles, die materielle Welt nur eine Illusion und mit dem richtigen Geistestraining kann ich mir meine materielle Welt erschaffen, ganz wie ich möchte. Klappt nicht?  Selbst schuld, dann ist der Geist zu schwach oder es war die falsche Wunschtechnik. Auch diese Haltung scheint mir für unseren konkreten irdischen Alltag nicht unbedingt hilfreich. Beten, wünschen und hoffen sind wertvoll, doch noch besser wird es, wann man dann die Dinge in die Hand nimmt – was durchaus buchstäblich gemeint ist.

Auch Esos Verhältnis zur Wissenschaft ist nicht unproblematisch. Auf den ersten Blick erscheint er heutzutage ja geradezu wissenschaftsbegeistert. Fast ständig ist da von Quantenphysik die Rede, die Aura wird mal eben als elektromagnetisches Feld erklärt, und wo Mathematiker mit Matrizen rechnen, da benutzt Eso sie zur Heilung.

Echte Liebe zur Wissenschaft bedeutet in meinen Augen, sie erst einmal anzuschauen und wahrzunehmen, wie sie funktioniert, was sie wirklich zu sagen hat – bevor man sie für eigene Zwecke vereinnahmt. Wer Quanteneffekte zur Erklärung seiner Eso-Theorien heranzieht, sollte auch wissen, was eine Wellenfunktion ist und was die Kopenhagener Deutung besagt.

 

Mehr Liebe, weniger Besserwisserei

Wie lassen sich diese Sichtweisen in fruchtbaren Austausch miteinander bringen?  Es scheint ein großes Missverständnis zu sein, dass man nur seine guten Argumente aufzählen muss, dann wird man den anderen schon überzeugen. Motto: Wenn wir nur genügend Studien zu Geistheilung haben, wird die Schulmedizin einsehen, dass es funktioniert. In vielen Bereichen des Paranormalen gibt es unzählige solide Studien, doch es ist immer genau eine zu wenig, um Skeptiker zu überzeugen. Um das zutiefst menschliche Problem dahinter zu verstehen, muss man nur einmal sonntags nach dem Tatort den Fernseher anlassen und zuschauen, wie Menschen über ein Thema „diskutieren“. Ist dort jemals jemand auf Basis der Argumente der anderen Seite überzeugt worden?

Kruse4Echte Kommunikation setzt voraus, dass der andere recht haben könnte. Leider ist die Menschheit in dieser Disziplin – trotz der vielen Worte in der Welt – noch nicht besonders geübt. Für das beste Telefon wird viel Geld ausgeben, für bessere Gespräche interessieren sich wenige. Das Fremde, das Andere zu bekämpfen erscheint oft so viel einfacher und „mehrheitsfähiger“, als es mit offenem Herzen wahrzunehmen, vielleicht sogar lieben zu lernen. Hier sind Schuwi, Eso, wir alle gefordert, denn Besserwisserei und Überheblichkeit lauern überall – umso mehr, je mehr man sich nur mit Gleichgesinnten umgibt.

 

Ein Übungsfeld für Offenheit, Geduld und Liebe

Bei den gelegentlichen Vorträgen zu meinem Buch „Der Geist in der Materie“ hatte ich kürzlich das Glück, vor einem recht gemischten Publikum zu sprechen. Ein Quantenphysiker hatte dafür in seinem Institut an der Uni einen Raum organisiert. Gerade als die ersten Zuhörer kamen, erfuhren wir, dass mein Vortrag aufgrund einer Berufungskommission, die nicht fertig werden wollte, in einen viel zu kleinen Raum verlegt werden musste. Welch schönes Symbol, wie die Wissenschaft die Spiritualität behandelt!

So drängten sich meine Zuhörer zusammen, während draußen Physiker im Vorbeigehen erstaunte Blicke durch die Glasscheibe hereinwarfen. Von ihren Kommentaren erfuhr ich später: „Freitagabends so viel Publikum für so einen Quatsch – bei unseren wichtigen Themen kämen nur drei Leute.“ Drinnen übte ich mich im Spagat bei den Fragen und Meinungen aus unterschiedlichsten Richtungen: „…ja, es ist ein interessantes Bild, Körperzellen Intelligenz oder Bewusstsein zuzuschreiben, aber nein, das ist in keinster Weise wissenschaftlich bewiesen; dazu fehlen uns schon allein die Definitionen, was Bewusstsein oder Intelligenz überhaupt ist. Bewusstsein ist obendrein eine subjektive Erfahrung, ich kann nicht einmal objektiv messen oder beweisen, dass Sie alle nicht einfach nur Zombies sind…“

Bei aller Sorgfalt im Navigieren zwischen den Weltbildern erfuhr ich doch hinterher, dass einzelne Zuhörer der Meinung waren, ich hätte „irgendwie ein Problem mit der Wissenschaft“ – und womöglich haben mich andere für vollkommen „unspirituell“ gehalten.
Ich bin überzeugt, die echte Begegnung von Wissenschaft und Spiritualität wird weiterhin viel Mühe erfordern, gutes Zuhören, Demut hinsichtlich unseres beschränkten Wissens – oder einfach eine große Portion Liebe: Denn Liebe, ob zur Welt oder zu den Menschen, heißt doch auch, offen, neugierig, ohne Vorurteile und vermeintliche Gewissheiten hinzuschauen, wahrzunehmen und wertzuschätzen, was sich da zeigt, bei aller Vielfalt, Andersartigkeit und Unverständlichkeit. Ich werde in diesem Sinne weiter üben. Vielleicht haben ja auch Sie Lust dazu?

Von Eckhard Kruse

 

Prof. Dr. Eckhard Kruse studierte Informatik mit Anwendungsfach Physik und promovierte auf dem Gebiet der Robotik und Bildverarbeitung. Er arbeitete in der industriellen Forschung als Wissenschaftler und Manager und ist seit 2008 Professor für Angewandte Informatik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Er ist Autor des Buches „Der Geist in der Materie – die Begegnung von Wissenschaft und Spiritualität“.

www.eckhardkruse.net
www.esoschuwi.de

 

Infos zum Buch:

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Eckhard Kruse: “Der Geist in der Materie”
Verlag: Crotona Verlag 2013
Umfang: 300 Seiten
Preis: 19,95 €
ISBN: 978-3861910428

Hier können Sie das Buch bestellen

 

 

 

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  4 Kommentare für “Die Begegnung von Wissenschaft und Spiritualität – Eckhard Kruse

  1. Jürgen Miesen
    18. Mai 2015 um 17:05

    Ein super Artikel. Fünf Sterne!

  2. 22. Mai 2015 um 08:41

    Ein wunderschöner Beitrag. Ich finde gut, dass es Menschen wie Eckhard Kruse gibt. So können dieser Artikel und das Buch dazu beitragen, dass Schuwis und Esos aufeinander zugehen können, und auch im Alltag das ganze Miteinander gefördert werden kann.

  3. Mahsaa
    30. Mai 2015 um 15:00

    Interessantes Thema, dennoch scheiden sich die Geister.

    Was hat Geist mit Materie zu tun? oder ist hier der Verstand der als Geist betitelt wird gemeint – dafür passt dann auch das Thema ganz gut.

    Der menschliche Geist ist halt beschränkt solange dieser in der Konditionierung feststeckt und Angst hat sich auf den Geist der spirituellen Seite einzulassen – den Geist seines höchsten Seins, selbst. Dieses Wissen hat wie „alles“ mit sich selbst bewusst sein zu tun. Darüber gibt es nur sehr wenig Austausch, wenn überhaupt.

    Eben viele viele Worte Worte Worte die in Ansätzen stecken bleiben.

    Es ist eine reine Persönlichkeit und Freiheit des Einzelnen an sich jeder Bewusst werden muß und sich darüber auch Bewusst entscheiden.

    Der wesentliche Punkt ist die Bereitschaft zur Veränderung. Eine klare Entscheidung ohne Kompromisse.

    Wir alle werden bei diesem Schritt alle bisherigen Grenzen überschreiten müssen!

    Viele Grüße und alles Gute

    Mah’saa

  4. Stephanie Kamp
    3. Juni 2015 um 13:47

    Ich habe dieses Buch mit Freude gelesen. Besonders im zweiten Teil fand ich interessante Anstöße zum Weiterdenken und immer wieder Momente, in denen ich dachte: Das habe ich implizit immer „gewusst“ oder gefühlt, aber kaum gewagt auszusprechen. Irgendwie schön, das auch mal von einem Wissenschaftler zu hören…
    Danke!

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