Dick oder dünn: Der Erleuchtung ist es egal, wie man sie erlangt – Doris Iding

Schlank imText

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Sind Menschen, die sich extrem gesund ernähren, die besseren Menschen – oder erlegen sie einem Perfektionismus, der wenig mit Lebensgenuss zu tun hat? Hier ein erfrischendes Essay von Doris Iding über gesunde Ernährung, mit der man es auch übertreiben kann…

Vor einigen Jahren leitete ich im Haus Annapurna im Chiemgau ein fünftägiges Yogaseminar. Viele der Teilnehmer kannten mich bereits durch meine Bücher und waren natürlich gespannt darauf, mich persönlich kennenzulernen. Die meisten hatten – wie sich im Nachhinein herausstellte – eine gewisse Vorstellung von mir, dahingehend, dass ich besonders gesund leben und biegsam bin wie ein Stück Gummi. Weit gefehlt, denn in der Vorstellungsrunde platze eine der zwölf Teilnehmerin spontan mit der Bemerkung heraus: „Wie schön, dass Du eine kleine Plauze hast!“. Sie lachte mich an! Ich strahlte zurück. Ich weiß um meine Schwachstelle – eben weil ich nicht immer nur gesund lebe – und bin an den offensichtlichen Spuren besonders in der Bauchregion Gott sei Dank nicht eitel. Denn viel zu gerne esse ich! Auf meine Frage, was genau sie an meinem Schokoladenbäuchlein so sehr erfreuen würde, antwortete sie, in der Zwischenzeit doch etwas verlegen, weil ihr die spontane Aussage im Nachhinein doch etwas peinlich erschien: „Endlich treffe ich mal eine Yogalehrerin, die nicht magersüchtig aussieht, sondern eine ganz normale Figur hat.“  Wir lachten! Ein paar der anderen Teilnehmerinnen in der Runde nickten zustimmend und lachten ebenfalls. Besonders laut lachten diejenigen, die offensichtlich ebenfalls gerne essen. Im Verlauf der Seminartage kamen wir immer wieder auf dieses Thema zurück – meistens nach einem köstlichen Mittag- oder Abendessen. Das Fazit der Gespräche war, dass besonders die Frauen beim Anblick von Yogabüchern schnell unter Druck geraten, die keine ideale Maße haben. Und auch die schlanken Frauen berichteten darüber, dass sie manch fülligere Freundin erst gar nicht in ein Yogastudio bewegen konnten. Ausgelöst werden solche Berührungsängste bei diesen Frauen natürlich schnell. Und statt sich auf die Matte zu trauen, bleiben sie dann vielleicht doch mit Scham- und Schuldgefühlen zu Hause auf dem Sofa.

Diese Erfahrung ist jetzt bereits einige Jahr her. Diese Entwicklung auf dem Yogamarkt ist nur noch extremer geworden. Sehe ich mir heute die Mainstream-Medien an, in denen Yoga vorgestellt wird, ist die Frage gar nicht mehr so abwegig, ob es etwa nur noch schlanke Frauen gibt, die Yoga praktizieren? Oder andersherum gefragt: Wird Yoga als ein Lockmittel verkauft, als ein Garant dafür, dass man innerhalb kürzester Zeit schlank wird? Durch schlanke bis androgyn, ja fast schon magersüchtige Models – und weibliche Yogalehrer – wird meines Erachtens hier und da ein falsches Bild vom Yoga vermittelt. Geht es wirklich nur darum, durch Yoga schlank zu werden oder eine gute Figur zu machen, bzw. zu haben? Fühlt sich eine Seele in einem Körper, bei dem die Waage vorgibt, was er essen darf und was nicht, wirklich wohl? Ich wage es zu bezweifeln. Genauso stellt sich mir die Frage, ob überhaupt noch eine Balance zwischen Körper, Seele und Geist besteht, wenn jemand nur noch auf die Inhaltsstoffe einer Verpackung schaut oder überlegt, ob das, was er oder sie sie jetzt essen möchte, überhaupt ihrem ayurvedischen Typ entspricht. Auch das wage ich zu bezweifeln.

Ich wage es auch zu bezweifeln, dass fortgeschrittene Yogis unbedingt schlank werden. Warum auch? In dem Fitnessstudio, in dem ich seit vielen Jahren Mitglied bin und wo mittlerweile auch regelmäßig Yoga unterrichtet wird, hörte ich, wie eine Yogalehrerin sich über einige dicke Teilnehmerinnen in ihrer Stunde beschwerte und sagte: „Ich möchte so dicke Leute eigentlich nicht in meinem Kurs haben, sondern lieber NUR Fortgeschrittene unterrichten.“ Hat diese Lehrerin überhaupt verstanden, worum es bei Yoga geht? Nämlich es vollkommen seiner selbst wegen zu praktizieren?!  Und ist nur ein schlanker Yogi ein guter Yogi?!

Eine Freundin von mir, eine Yogalehrerin und Verfechterin des Ayurveda, lebt konsequent nach ayurvedischen Richtlinien. So ist für sie Jogurt und Früchte zusammen ein No-Go, weil es bläht. Salat abends nach 18 Uhr ist verboten, weil es nachts nicht verdaut werden kann. Käse und Trauben zusammen dürfen auch nicht gegessen werden, weil sie zu viele Schlacken produzieren.

Während wir früher gerne zusammen essen gegangen sind, treffen wir uns heute nur noch auf einen Spaziergang, weil sie nämlich nichts mehr auf der Speisekarte findet, was sie abends essen dürfte. Problematisch wird es dann, wenn sie vor einem unserer Spaziergänge der Teufel reitet und sie voller Übermut eine Tafel Schokolade isst. In dem Moment fällt sie gierig über die Süßigkeit her. Und so schnell, wie sie die Tafel verputzt, kann ich gar nicht schauen. Mit Genuss hat das wenig zu tun. Aber spätestens eine halbe Stunde nach dem sie diese verputzt hat, wird von schlechtestem Gewissen gequält wird und macht sich Vorwürfe. „Habe ich mich jetzt vollkommen verunreinigt?“ schaute sie mich dann fragend während des Spaziergangs an und gibt sich aber auch mit einem fünften „Nein!“ auf die wiederholte Frage meinerseits nicht wirklich zufrieden.

Spaß machen die Begegnungen mit ihr heute übrigens kaum noch. Ich habe das Gefühl, als würde ein ayurvedisches Über-Ich sie dominieren. Und sie ist übrigens strenger als jeder Ayurveda-Arzt der Welt. Diese Freundin leidet übrigens unter Orthorexia nervosa, einer Essstörung, bei der die Betroffenen ein auffallend ausgeprägtes Verlangen danach haben, sich möglichst gesund zu ernähren. Die Existenz dieser Krankheit wird allerdings vielfach bestritten.

In Variationen begegnet mir dieses Krankheitsbild immer wieder. Es sind Freunde, Bekannte oder Unbekannte, die ich im Verlaufe der Jahre in verschiedenen spirituellen Kontexten kennengelernt habe. Oftmals sind es Menschen, die früher bereits unter einer Essstörung gelitten haben und jetzt – noch nicht davon geheilt – ihr zwanghaftes Essverhalten, meist in Bezug auf eine besonders gesunde oder reine Ernährung verlagert haben. Das Bewusstsein dafür, dass sie einem Zwang unterliegen fehlt vielen dieser Menschen.

Was aber braucht eine Seele, um sich in einem Körper wohlzufühlen? Wieso lebt ein Kettenraucher wie Helmut Schmidt heute immer nochß Und das bei meines Erachtens großer geistiger Klarheit. Und warum stirbt ein Mensch, der sich gesund nach den Richtlinien des Ayurveda oder des Yoga strikt an bestimmten Ernährungsvorgaben hält, bereits im Alter von 40 Jahren an Krebs? Hängt das eine überhaupt mit dem anderen zusammen? Leidet ein Körper nicht viel mehr unter einem freudlosen Geist, der sich Regeln und Vorgaben unterwirft, aber überhaupt keine Freude mehr am Essen empfindet? Werden die Zellen eines Menschen nicht auch davon genährt, wenn jemand gerne kocht und auch mal über seinen Appetit isst und trinkt, sich aber noch viele Monate später gerne an dieses Essen erinnert?

„Der Erleuchtung ist es egal, wie man sie erlangt.“ Lautet eine Weisheit, die mir immer wieder aufzeigt, dass letztendlich alles erlaubt ist. Wenn die Absicht rein ist. „Müssen war gestern.“ hat mir vor einigen Jahren einmal spiritueller Lehrer gesagt, der im Sinne eines Neuen Bewusstseins unterwegs ist. Seinen Namen habe ich leider vergessen. Aber er wirkte zufrieden. Ist es nicht nur ein Konzept unseres Geistes, dass wir immer wieder Regeln und Vorgaben erfinden, egal ob sie eine gesunde Ernährung betreffen oder uns aufzeigen, was wir besser nicht zu uns nehmen sollen?

Ist es nicht viel wichtiger, dass wir heute, zu Beginn eines neuen Zeitalters, an dem Punkt kommen, wo wir uneingeschränkt in uns selbst hineinhorchen und nach unseren eigenen, natürlichen Bedürfnissen des Körpers suchen? Ist es nicht schöner, wenn wir selbst ein gesundes Gefühl dafür entwickeln, was unser Körper wann braucht und verträgt? Sind wir nicht alle, als Menschen mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion in der Lage, erwachsen zu denken und zu handeln und herauszufinden, was uns gut tut, statt auf das zu hören, was irgendeine Leitinstanz von außen uns vorgibt, was uns gut zu tun hat oder nicht?

Fragen wie diese bergen unendlichen Diskussionsstoff. Sowohl in uns selbst als auch im Umgang mit Mitmenschen, die eine Ernährungsform pflegen, die uns zu rigide oder zu ungesund erscheint. Gibt es überhaupt eine richtige oder eine falsche Ernährung? Meines Erachtens gibt es nur ein Rezept, egal welches Süppchen wir kochen. Und das heißt Toleranz und den Weg der Mitte. Denn selbst Buddha wählte ihn, nachdem er durch Askese so abgemagert war und noch Haut und Knochen war. Er hatte gesehen, dass ein Weg der Extreme langfristig nichts bringt. Den Mittleren Weg können wir auch im Umgang mit uns selbst und unseren Essgewohnheiten gehen, indem wir uns selbst gegenüber vielleicht hier und da mal toleranter und mal etwas strenger sind. Je nachdem wohin unsere Tendenz geht. Ob zur Askese oder zur maßlosen Völlerei. Aber auch für die anderen, nämlich für die einen, die sich strikt an vegane, vegetarische, makrobiotische, pranische oder sattvische Ernährungsformen halten, als auch für die anderen, die das Fleisch, den Wein und den Zucker lieben, braucht es Toleranz.

Und ganz davon abgesehen, ist eine kleine Schokoladenplauze, auf die uns unsere Yogaschüler aufmerksam machen, auch mal eine ganz gute Übung, um zu sehen, wie unser Ego darauf reagiert, wenn wir auf so etwas angesprochen werden. Dann können wir üben, nicht anzuhaften an unserer äußeren Erscheinung. Eine solche Übung ist vielleicht sogar das Salz in der Suppe. Und ganz davon abgesehen – eines sollten wir uns vergegenwärtigen: Sterben werden wir alle eines Tages. Ob dick oder schlank. Leichter wird es vielleicht sogar, wenn wir nicht so sehr an unserem Körper hängen.

Von Doris Iding

Doris Iding ist Ethnologin und Yogalehrerin. Sie lebt und arbeitet in München als freie Journalistin, Ghostwriterin für die Themenbereiche Spiritualität, Psychologie und unterrichtet auch als Dozentin bei Yogalehrerausbildungen zum Thema Yogaphilosophie. Sie praktiziert seit Jahren Meditation, ist in buddhistische und yogischer Philosophie zu Hause und hat in ihrer Laufbahn als Journalistin viele große Meister persönlich kennengelernt interviewt.

www.doris-iding.de

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  3 Kommentare für “Dick oder dünn: Der Erleuchtung ist es egal, wie man sie erlangt – Doris Iding

  1. 10. Juli 2013 um 14:28

    Hallo Frau Iding,
    ein schöner Bericht.
    Ein „Ego-Test“ und eine Übung, andere und sich selbst, trotz dem „unperfekten“ Körper zu akzeptieren, zu wertschätzen und möglichst sogar zu lieben.
    Ich bin bei 1,93cm ca. 125Kg schwer (51. J.) und habe eine ziemliche Plautze, wie Sie sich unschwer vorstellen können. Ich habe immer Sport gemacht und bin auch nun wieder seit ca. einem Jahr in einem Fitness-Studio (2-3 mal die Woche), um etwas gegen zu steuern….
    Ich bin da unter lauter schlanken und teils athletischen Menschen (doch nicht nur)… und lerne jedes mal aufs Neue, zu meiner „Buddha-Wampe“ zu stehen. 😉
    Ich bin fit und kann mich trotzdem noch leiden…. und das ist das Wichtigste.
    ICH habe keine Probleme mit meinen Bauch (übrigens, ohne Biertrinker zu sein und als Vegetarier, doch sind Elefanten, Büffel und Gorillas ja auch nicht „schlank“ *zwinker) und wenn andere damit ein Problem haben, dann dürfen sie schauen, was es mit ihnen zu tun hat. Ich finde Ihren Bericht deswegen schon gut, weil er den Lesern den „Wahnsinn“ bewusst machen kann, den die „Beauty-Szene“ in den Medien veranstaltet.
    Die Realität ist immer anders… das kann jeder beobachten, der genau hinschaut… doch sind wir schnell verunsichert, wenn wir uns den „Mist“ in den Medien zu viel anschauen, bzw. noch schlimmer…. auch noch glauben.
    Bewegung ist gut für den Körper…. jedoch nicht um ein Idealbild zu erreichen (das ist wieder Wahnsinn), sondern um sich um sich zu kümmern… um gesund zu werden oder zu bleiben und um sich wohl in seiner Haut zu fühlen.

    Herzliche Grüße,
    von Ralf Becker (der sich gleich wieder auf den Weg zum Sport macht)

  2. 17. September 2013 um 10:39

    Warum macht man sich so einen Aufriss und Streß um das Thema. Warum Verzicht, Einschränkung vielleicht sogar Qual, wenn ich mir manche Diäten und Sportarten so anschaue. Alles in einem gesunden Gleichgewicht zu tun ist für mich die beste Lösung! Wie immer, der Mittelweg ist meistens die beste Lösung.

  3. Karin
    12. September 2017 um 21:46

    Hallo,

    letztendlich fehlt einfach der Hinweis, dass alle Lebewesen (vor allem die, die auch in Schokolade vorkommen) leben wollen und keine Angst vor uns Menschen haben müssen. Wahre Spiritualität liebt und achtet alles Leben und frißt es nicht auf. Aber das läßt sich schlecht vermarkten, also macht man es den Menschen einfacher, ein bißchen Schoko hier, ein kleines Schnitzel dort usw.
    Frage: Wie erkläre ich das einem Schwein, einer Kuh, einer Legehenne, einem Fisch? Wenn unser Planet wirklich geheilt werden soll, geht es nicht ohne Respekt, Mitgefühl und Liebe für alle Lebewesen, die Zweibeiner, Vierbeiner und die ohne Beine. Wieso wird eigentlich nicht der Kernpunkt vermittelt und soviel unwichtiges Blabla geschrieben. Wenn die Leute sich durch die Wahrheit abgeschreckt fühlen, sind sie doch offensichtlich noch nicht für Spiritualität offen und sollten sich lieber Themen zuwenden, die besser zu ihnen passen. Diejenigen die erkennen was Sache ist, bei denen macht es klick und gut ist. Besser die reine unverfälschte Wahrheit sprechen und schreiben als solche am wirklichen Thema vorbeigehende Texte, sorry.

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