Yoga als Lebenskunst – Friedel Marksteiner (Interview)

Ein Gespräch über das Buch „Yoga – die Kunst des Wandels“

In vielen Bereichen unseres Lebens herrschen krisenhafte Zustände. Es geht uns so gut wie nie zuvor – und doch haben sich diverse Glaubens-, Wissenschafts- und Wirtschaftsstrukturen so verfestigt, dass die Notwendigkeit eines Wandels zwar von allen bestätigt wird, aber von den Entscheidungsträgern nicht verwirklicht werden kann oder möchte. Wohin geht unser Schiff? Brauchen wir einen „Paradigmenwechsel“, also eine ganz andere Sicht auf unsere Welt, damit eine Veränderung zum Guten möglich wird? Friedel Marksteiner bejaht dies in seinem neuen Buch, dessen Titel schon auf eine mögliche Lösung hinweist: „Yoga – Die Kunst des Wandels“.

Ausführlich stellt der Autor zunächst die verschiedenen Bereiche wie Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft dar und zeigt, welche Veränderungen sich dort andeuten. So beschäftigen sich die Naturwissenschaften zunehmend mit Energien, Bewusstsein und der Erkenntnis, dass alles Leben aus einem geistigen Urgrund, dem „Nullpunktfeld“ zu kommen scheint – eine Sichtweise, die für den Yoga ganz selbstverständlich ist.

Yoga ist für Marksteiner vor allem ein praktischer Entwicklungsweg, der uns eine große Hilfe sein kann, mit globalen Veränderungen gut und geschmeidig umzugehen. Dabei macht der ehemalige EDV-Experte und Unternehmensberater nicht den Fehler, das Heil allein in einem großen, alles umfassenden neuen Weltbild zu sehen – vielmehr bietet er spannende und interessante Vergleiche und Verbindungen an, die sich lohnen, weiterzudenken. Wir sprachen mit ihm über die Beweggründe für sein Buch und seinen eigenen Yoga-Weg…

Autor: Thomas Schmelzer

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Herr Marksteiner, vielleicht zunächst einige Worte zu Ihrem Werdegang…

Gerne. Ich bin 1943 in Wien geboren. Nach einem kaufmännischen Studium war ich zunächst in EDV-Vertrieb und -Beratung bei großen Softwarefirmen tätig. Danach habe ich als selbstständiger Unternehmensberater große Projekte betreut – Analyse, Programmierung, Test, Projektmanagement.

Wie sind Sie auf Yoga gestoßen?

Im Grunde habe ich mich schon immer für philosophische und spirituelle Themen interessiert. Nach einigen Erfahrungen mit dem Hatha Yoga bin ich vor 25 Jahren dem geistigen Yoga, dem Raja Yoga begegnet und praktiziere das bis heute, auch als zertifizierter Raja-Yoga-Lehrer.

Hatte dieser damals neue Weg positive Auswirkungen auf Ihr Leben?

Eigentlich in allen Bereichen – beruflich, familiär, sozial. Ich wurde entspannter und zufriedener. Kollegen bezeichneten mich als „verträglicher“, nachdem ich mit der Yogapraxis begonnen hatte. Woher das kam, das war ihnen meist nicht klar, und ich habe darüber auch nicht groß geredet. Bald begann ich, Meditation bewusst für kreative Prozesse und die Lösung von Problemen einzusetzen.

Das heißt, sie haben in der Meditation an praktischen Themen gearbeitet?

Ja, vor der Meditation habe ich alle Komponenten des Problems vor mein geistiges Auge gestellt, dann dieses losgelassen und darüber meditiert. Die Ergebnisse waren oft verblüffend und immer besser als diejenigen, die sich durch bloßes Nachdenken ergaben.

Bald schon wollten Sie nach Indien. Warum?

Zur damaligen Zeit fand ich in Deutschland weder einen geeigneten Ansprechpartner, noch hilfreiche Literatur über die Yoga-Philosophie. So dachte ich mir, das schaue ich mir mal im Ursprungsland an – und so besuchte ich einen Yoga-Meister. Das war sehr bewegend. Ich war mit einer ganzen Liste von Fragen gekommen, die ich ihm nach und nach stellte. Nachdem wir eine ganze Woche lang mit ihm zusammen sein konnten, hat er am letzten Tag plötzlich weitere Fragen beantwortet – Fragen, die ich gar nicht gestellt hatte, die aber noch auf meiner Liste waren!

In vielen Disziplinen wie der Malerei oder der Philosophie sind Vorbilder und Lehrer ja ganz entscheidend – nur auf dem spirituellen Weg tun sich viele schwer, das anzunehmen. Wie sehen sie das heute: Ist ein spiritueller Lehrer wichtig für den inneren Weg?

Nicht unbedingt – es hängt davon ab, welche Ansprüche und Ziele man hat. Für mich war es damals wichtig, weil das indische Weltbild ein so anderes ist, als ich es kannte. Nach und nach umzudenken und den Yoga in der Tiefe zu verstehen, war und ist für uns vom Verstand geprägte westliche Menschen ein langer Prozess. Wer nun wirklich ernsthaft das Ziel des Yoga anstrebt, muss jemanden treffen, der dieses Ziel erreicht hat.

„Ziel des Yoga“ – wie würden Sie das definieren?

Einssein mit dem Göttlichen – so würde es ein indischer Meister sagen. Wir würden sagen: Verschmelzen mit unserem Wesenskern, Einssein mit dem Absoluten, der Liebe. Die Theorie des Yoga sagt, Gott ist nicht definierbar, aber im eigenen Inneren erfahrbar. Und dieser Ort der Erfahrung ist das eigene Herz. Jedes Wesen auf der Welt hat Anteil am Göttlichen, jeder kann dies erfahren. Dieses Ziel wirklich zu erreichen, setzt jedoch voraus, dass das Herz ohne Barrieren mit dem Göttlichen kommunizieren kann. Und diese Barrieren sind unsere Muster, Projektionen und Vorstellungen. Jedes Muster ist wie ein Filter, der nach außen und nach innen wirkt. Im Yoga geht es darum, diesen Filter durchlässig zu machen. Dies kann spontan auch durch die entspannende Wirkung körperlicher Arbeit oder einen plötzlichen Moment des Glücks geschehen, so dass ich in solchen Momenten mit meinen Mustern anders umgehen kann – aber die Muster bleiben, wenn ich sie nicht auflöse. Dies erreiche ich mit den Werkzeugen der inneren Reinigung

Was war für Sie der Auslöser, dieses Buch zu schreiben?

Eigentlich ist es die Antwort auf eigene Fragen. Ich wollte wissen: Was ist Yoga wirklich? Und gibt es Entsprechungen dazu in unserer Kultur? Wie schon erwähnt, fand ich keine für uns im Westen verstehbare Literatur über Yogaphilosophie. Die meisten Bücher dazu sind auf einer sehr hohen Ebene des Yogawegs angesiedelt. Wir Westler sind aber nicht mit diesen Begriffen und dieser Weltanschauung vertraut und können es deshalb kaum nachvollziehen. Allmählich wurde mir auch klar, dass geistiger Yoga nicht nur eine Meditationslehre ist, sondern eine Entwicklungsmethode. Es geht um die Entwicklung des Menschen im ganzheitlichen Sinne – also Gefühle, Intuition, Denken, Logik, Spiritualität. Yoga ist ein System der Entwicklung der Geistigkeit durch die Methode der Meditation und der Reinigung – und die Arbeit am eigenen Charakter, indem wir dasjenige auch im täglichen Leben beherzigen, was wir in der inneren Erfahrung wahrnehmen.

In unserer westlichen Psychologie geht es vor allem um die Entwicklung eines guten Lebens. Das interessiert den Inder wenig bis gar nicht – zumindest nicht den Yogi. Für ihn ist nur relevant: Wie komme ich mit dem Göttlichen in Kontakt? Interessant ist nun, dass beispielsweise die Entwicklungsschritte der humanistischen Psychologie – also die Bedürfnispyramide von Maslow – denselben Verlauf zeigen wie die Entwicklung, die im Yoga durchlaufen wird.

…mit dem Unterschied, dass im ursprünglichen Yoga das Ziel, also das Erreichen des Göttlichen, bereits von ganz unten fest ins Visier genommen wird, während bei Maslow sich zunächst alles um die grundsätzlichen Bedürfnisse dreht – Essen und Trinken, Sicherheit, dann erst Liebe und Selbstverwirklichung.

Genau. Im Yoga werden diese unteren Stufen deswegen oft gar nicht ausführlich beschrieben, sie müssen eben durchlaufen werden. Hier im Westen liegt der Fokus oft ganz in diesen Bereichen. Der Verlauf und die Struktur der Wege aber sind praktisch identisch!

Spannend finde ich auch ihren Vergleich mit Erkenntnissen der Quantenphysik, die aufzeigen, dass die kleinsten Teilchen der Materie, je genauer wir sie betrachten, nichts als Energie zu sein scheinen.

Max Planck oder Carl Friedrich von Weizäcker würden sagen, auf dieser Ebene sprechen wir nicht mehr von Materie, sondern von Geist. Das ist ganz Yoga-Philosophie: Alles im Kosmos wird vom Geist getragen und ist aus ihm entstanden.

Die ungewöhnlichste Parallele zur Quantenphysik, die sie entdeckt haben, bezieht sich auf die Gunas und die Teilchengruppen…

Die Gunas finden sich sehr ähnlich wieder in den drei Teilchenfamilien der Quantenphysik – bis hin zu deren Eigenschaften. Nach der indischen Philosophie ist das Universum aus drei Gunas aufgebaut: Sattva – das Feine und Leichte, Rajas – das Bewegliche und Motorische und Tam – das Schwere, Träge. Die Quantenphysik kennt heute ungefähr dreihundert Teilchenarten, die drei Teilchenfamilien zugeordnet werden. So gibt es leichte, ja scheinbar materielose Teilchen – zum Beispiel Photonen –, die der Sattva-Qualität entsprechen. Dann die dynamischen Elektronen mit Rajas-Qualität und schließlich die massehaltigen Teilchen – Protonen, Neutronen – die dem Tam entsprechen.

Viele Pioniere der neuen Wissenschaft sprechen von einem dringend nötigen Paradigmenwechsel. Wie sehen Sie das?

Die Naturwissenschaft muss das Geistige wieder in die Natur einführen. Im Moment beschäftigt sich die traditionelle Naturwissenschaft mit den materiellen Aspekten unserer Welt. Es wird aber immer deutlicher, dass bereits Elementarteilchen – zum Beispiel Photonen – auch geistige Eigenschaften haben, wie etwa in der Biophotonenforschung oder in den Arbeiten von Burkhard Heim, Paul Dirac und David Bohm gezeigt wurde.

Zum Glück kommen diese Themen auch immer mehr ins Bewusstsein unserer Gesellschaft. Dan Browns Freimaurer-Thriller „Das verlorene Symbol“ beispielsweise zitiert mehrmals Lynne McTaggart, die sich mit genau diesen Verbindungen von Geist und Materie beschäftigt. Auch über das Herz gibt es neue Erkenntnisse …

Ja, die Neurowissenschaften kommen immer mehr zur Schlussfolgerung, dass das Herz auch als Geistorgan zu verstehen ist. Es ist Impulsgeber und Rhythmusgeber für die gesamte Geistigkeit. Es hat auch eigene Neurotransmitter, über die es mit den Organen, mit dem Gehirn kommuniziert. Wieder eine Parallele zum geistigen Yoga, der das Herz als unser geistig-spirituelles Zentrum sieht.

Was mir gut gefällt, ist ihr Rat, sich immer wieder bewusst mit dem Herzen zu verbinden. Haben Sie noch zwei, drei Empfehlungen für Menschen auf dem spirituellen Weg?

Der Yogaweg ist ein Weg der ständigen, täglichen Übung. Erkennen, die Einsicht allein genügt nicht. Erst, was wir tun, bestimmt unser zukünftiges Verhalten. Der Paradigmenwandel ist ja die Klammer, die die Teile meines Buchs zusammenbringt. Diesen Wandel, der nur in jedem Einzelnen von uns stattfinden kann, kann ich mit einer Methode wie dem Yoga flexibel auffangen und steuern. Ohne solch ein Werkzeug werde ich vom Wandel überrollt. Der Yoga verschafft mir also durch die Auflösung meiner Muster einen größeren Spielraum in meinen Entscheidungen und Handlungen. Wir klinken uns nicht mehr ein in übliche Denkmuster oder eigene Ängste, sondern es gelingt uns zunehmend, das zu tun, was in der Situation angemessen ist.
Wichtig für mich ist auch die Erfahrung von Einssein und Frieden, die ich aus der Meditation ziehe – eine Erfahrung, deren ich mich immer aufs Neue vergewissern kann.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

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Buchbesprechung „Yoga – die Kunst des Wandels“ von Friedel Marksteiner

Zunächst beleuchtet Marksteiner einige veraltete Strukturen in Wirtschaft, Bildung und Medizin, wie beispielsweise das aus dem Wirtschaftsdenken übernommene „Steigerungsspiel“, das wir unbewusst in alle möglichen Lebensbereiche übernommen haben: Besser und luxuriöser Leben, Asanas Perfektionieren, schneller erleuchtet werden. Nötig ist ein ethisches Überdenken, wie im Bildungssystem, wo jungen Menschen gelehrt wird, „…wie man eine Rakete auf den Mond schießt, aber nicht, was es bedeutet, Gefühle oder Verantwortung zu haben, einen Sinn im Leben zu sehen.“
Das „Geistige“ ist es, das in unser Leben mehr integriert werden muss – und das ist das zentrale Ziel des Yoga. Auch in der Quantenphysik ist dies mittlerweile klar erkannt, und doch in den meisten traditionellen Wissenschaften wie der Gehirnforschung nicht gern gesehen. Immer wieder stellt Marksteiner spannende Parallelen fest, wie das 12-dimensionale Modell des verstorbenen Physikers Burkard Heim, das in vielen Punkten dem der Yoga Philosophie gleicht.
Im letzten Teil schließlich kommt der Autor zu seinem eigentlichen Fachgebiet. Nach einer hervorragenden Einführung in das Denken des Yoga und seiner Rezeptionsgeschichte im Westen präsentiert er die Yoga-Sutras des Patanjali – selbst übersetzt in für uns heute gut verständliche Worte. Neben vielen klugen Beobachtungen spürt man auch die Erfahrung eines Praktizierenden. Besonders der Weg des Herzens ist ihm ein Anliegen. Ein ermutigendes Buch mit vielen Informationen und Denkansätzen, die uns helfen, den Wandel zu einer Kunst werden zu lassen…

(c) 11/2009 Thomas Schmelzer, erschienen in YOGA JOURNAL

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