Sufismus, Sufi-Orden in Nordafrika

Die verbreitetste Sufi-Strömung in Marokko stellen die Ischawi dar. Ihr Gründer ist Sidi Ibn ’Isa, der Ende des 15. Jh. wirkte. Ibn ’Isas Lehrer war Scheich Dschazuli, dessen Lehre auf den Gründerscheich Schazili (13. Jh.) zurückgeht. Der Schazili-Orden ist in Nordafrika und im Sudan weit verbreitet und berichtet in den Legenden um den Vollkommenen Meister von vielen Heilerfolgen und Fakirtaten wie dem Halten von heißen Kohlen, ohne Brandwunden zu bekommen.
Der Orden Ibn ’Isas wurde zu einer Synthese von intensiver Mystik, Magie und schamanistischen Ritualen. Positiv ist, dass der Orden traditionell Frauen aufnimmt. Auch die volkstümliche Hamadscha-Gemeinschaft rechnet sich zur Bewegung der Schazili. Das Besondere ist ihre therapeutische Gemeinschaft, die mit alten → Trance- und Ekstasetechniken arbeitet, wie sie auch aus dem → Schamanismus bekannt sind. Die Hamadscha sind in lockeren und vielseitig organisierten Gemeinschaften organisiert. Wie alle Orden schreiben sie gewisse ritualisierte Handlungen vor, etwa die Rezitation von → Gebeten, das Hören von Musik und → Tanzen. Die volkstümlichen Orden neigen dabei zu extremen Formen: zu wilden Tänzen, die in Ekstase versetzen, und zu besinnungsloser Raserei, aber auch zu ekstatischen Selbstverstümmelungen. Wie bei anderen Trance-Kulturen wird ein außergewöhnlicher Bewusstseinszustand angestrebt, der häufig wie beim → Voodoo zur Besessenheit durch einen Dschinn (→ Dämon, → Geister) führt. Die Hamadscha sind auch Heiler, die wie die → Schamanen Symbole benutzen, welche psychische bzw. geistige Realitäten darstellen.
Starken Einfluss auf die westliche, esoterische Philosophie hatten die Schweizer Titus Burckhardt und Frithjof Schuon und Martin Lings in England. Sie waren Schüler des bedeutenden marokkanischen und gnostischen Scheichs Alawi (1869-1934), der zum Darqawi-Orden gehörte (Darqawi belebte den Schazili-Orden im 18. Jh., sodass ein eigener Zweig von ihm ausgeht). Obwohl Scheich Alawi sehr unorthodox lehrte, kann man seine Schüler mehr zum islamisch geprägten Sufismus rechnen, der gewisse universalistische Züge aufweist.
Der marokkanische Sufi Jabrane M. Sebnat lernte von mehreren Sufi-Meistern. Er gehört zum Gnaua-Kreis, einem marokkanischen Sufi-Weg, der sich durch Heilung mittels Tanz, Gesang, Zeremonien und Kontemplation auszeichnet. Er steht auch in Verbindung mit den Akbariyya, einem Sufi-Pfad, der von der Arbeit und Energie → Ibn Arabis inspiriert ist.
Aus Ägypten kommt noch eine weitere Sufi-Strömung, deren Begründer Ahmed Badawi ist. Er wurde 1199 in Fes, Marokko, geboren und wuchs in Mekka auf. Als ihm Mohammed im Traum erschien und ihn aufforderte, ein Derwisch zu werden, gehorchte Badawi, steigerte sich in intensives Fasten und erlebte dadurch höhere Bewusstseinszustände. Als Badawi 1277 starb, galt er als einer der beliebtesten Heiligen Ägyptens. Sein Grab ist heute noch ein Wallfahrtsort.
Ein Orden, der sich zur gleichen Zeit in Ägypten ausbreitete, wurde von Abdul Hassan Schadhili gegründet, einem Schüler des marokkanischen Heiligen Ibn Maschisch. Der Schazili-Orden ist in Nordafrika weit verbreitet und kann heute dem fundamentalistischen Flügel des Islam zugerechnet werden. Die Praxis der Übungen ist insbesonders durch einen ausgedehnten Gebrauch von → Dhikr und Gebetsrezitationen bekannt. Ein Ableger des Ordens, die Burhani-tariqa, hat auch in Deutschland Anhänger.
Dank der zahlreichen türkischstämmigen Menschen, die in Deutschland leben, besteht inzwischen die Möglichkeit, mit unterschiedlichen Sufi- und Derwischgruppen in Kontakt zu kommen, z.B. Mevlevi, Helveti, Bektaschi. Manche davon sind traditionalistisch, andere verlangen keine Annahme des Islam. Die größte und bedeutendste Derwischbruderschaft des Iran ist die schiitische Ni’matullahiyya, die auch in Deutschland vertreten ist.

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