Spirituelle Intelligenz: Spürend Denken – Interview mit Dr. Joachim Galuska

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Auf spirituellen Wegen wird oft ein Zustand angestrebt, in dem wir uns der Welt und dem Leben unmittelbar öffnen. Dr. Joachim Galuska, Psychotherapeut und Leiter der Kliniken Heiligenfeld, spricht über diese innere Haltung des Spürens. Mit Bezug auf den „Meister des Spürens“ Rainer Maria Rilke reflektiert er über die Bedeutung solch eines Daseins in der Welt für eine moderne Spiritualität. Galuska ist der Initiator des angesehenen „Heiligenfelder Kongresses“, der dieses Jahr am 18. – 21. Mai stattfindet. Thema: Liebe

Ein Interview von Thomas Steininger, zuerst erschienen in evolve

 

Thomas Steininger: Wenn man über eine zeitgemäße Spiritualität spricht, scheiden sich oft die Geister. Die einen betonen, dass Spiritualität mehr Gefühl braucht. Für andere ist Spiritualität oft zu gefühlsorientiert. Diesen Kritikern geht es mehr um einen wachen, aufgeklärten Geist. Wie lebt man heute Ihrer Ansicht nach eine moderne Spiritualität?

Joachim Galuska: Spiritualität versucht, eine innere Haltung zu kultivieren, die jenseits unserer konzeptionalisierten Bindungen liegt. Wir gehen über die Konstruktionen, mit denen wir unser Leben interpretieren und erschaffen, hinaus. Non-Dualität bedeutet auch, dass wir die Wirklichkeit ohne Konzept unmittelbar erfahren. Dieses Erfahren ist weder Fühlen noch Denken; als alternativen Begriff würde ich hier das Spüren wählen. Man könnte es auch als Offenheit unseres Bewusstseins oder unseres geistig-seelischen Zustandes bezeichnen. Wenn wir in dieser Offenheit sind, dann spüren wir das Leben auf eine direkte Weise. Unser gesamter Organismus, unser gesamtes Bewusstsein steht diesem Spüren zur Verfügung. Und unser Verstand versucht alles, was wir spüren, in Begriffe zu fassen. Dieses spürende Denken nutzt nicht so sehr Begriffe und Konzepte als Abbilder der Wirklichkeit, sondern es ist ein metaphorisches Denken. Es steht der Poesie näher als einem wissenschaftlich präzisen Denken oder einem philosophischen Denken im engeren Sinne. In diesem nondualen Spüren verändert sich auch unser Fühlen, es ist nicht mehr nur emotional und körperlich, sondern trägt auch intuitive Komponenten. Spiritualität lebt in der Bereitschaft zu dieser Offenheit zum Leben und zur Welt, und das ist eine Haltung, welche die DichoThomasie zwischen Denken und Fühlen überschreitet.

 

Das tieftiefe Leben

TS: Können Sie diese Unterscheidung zwischen Spüren und Fühlen noch etwas erläutern?

JG: Jeder Begriff reduziert und versucht, etwas zu fassen, was im Grunde eine Bewusstseinshaltung, ein Bewusst-Sein im Moment, ist. Wir können dem Moment offen und bereit begegnen, so wie er ist – ohne Hindernisse, Widerstände, Konzepte, Vorurteile, Pläne oder Erinnerungen. Wir erfahren den Moment in seiner Fülle, die viel intensiver, größer und beeindruckender ist, als die Momente unseres Lebens, in denen wir die Welt durch selektierendes, filterndes, begrenztes Denken und Fühlen erfahren. Diese Erfahrung würde ich als Spüren bezeichnen. Es ist eine Offenheit für das Leben, wie es gerade ist, in seiner Tiefe, Fülle, Intensität, Weite und Größe; das Leben in seiner Schönheit und in seinem Schmerz. Wir spüren das Leben in seiner Dynamik, in seinem Strömen, denn das Leben ist in Bewegung. Jeder Moment entwickelt sich und verändert sich aus sich heraus. Und diese Bewegung können wir spüren. Wir fließen in dieser Offenheit im Leben, mit seiner Schönheit und seinem Schrecken, wie Rilke es so schön ausgedrückt hat. Rilke ist ein gutes Beispiel. Er hat versucht, das Leben als Ganzes zu spüren: das Schreckliche und das Grauenvolle, das Alter, den Schmerz und den Tod, aber auch die Schönheit und das Wunder des Lebens. Wenn man versucht, hinter seine Worte zu spüren, kann man diesen Zustand, aus dem er schrieb, erahnen. Ich würde es als „Spürigkeit“ bezeichnen, eine tiefe Offenheit dem Leben gegenüber. Wie konnte er sonst vom „tieftiefen Leben“ sprechen? Er vermittelt uns eine Erfahrung dieses spürenden Bewusstseins, in dem er diese Zeilen schrieb.

 

Poetisierung des Denkens?

TS: Dieses poetische Denken ist eine Form des Denkens, die dem Leben anders begegnet als ein rein analytisch-wissenschaftliches Denken. Zeigt sich darin vielleicht auch eine denkend-spürende Spiritualität, die durchaus kritisch nachdenkend sein kann, aber auch diese Offenheit zulässt, von der Sie sprechen?

JG: Ich würde noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass dieses spürende Denken kein sich gegenüberstellendes Denken ist, das etwas zum Objekt macht und dann versucht, es zu erfassen und zu begreifen. Bei Rilke spricht das Leben sozusagen in der Form seines Denkens, die dann in seinen Texten zum Ausdruck kommt. Aber es ist kein Denken über etwas, es ist kein Denken über das Leben, sondern es ist das Leben, das sich in diesen Worten ereignet. Eigentlich gehört dieses Denken zu dem Moment, den der Dichter fühlt und zum Ausdruck bringt. Damit ist dieses spürende Denken im Grunde ein Lebensausdruck selbst, der sich dem Leben nicht in irgendeiner Form gegenüberstellt, sondern der einfach als poetische Entfaltung aus dem Leben herausfließt – als Gestaltung dieses Moments, der dadurch, dass er in Worten Ausdruck findet, für uns nachvollziehbar wird.
Aber ich glaube, dass man so jemanden wie Rilke erst dann wirklich in der Tiefe versteht, wenn man versucht, sich einfach nur berühren zu lassen von seinen Worten und sich fragt: Woher spricht dieser Mensch? Wenn ich diese Empathie wirken lasse, kann ich versuchen, mich ganz hineinfallen zu lassen in seine Worte, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was dieser Mensch erlebt, empfunden und gespürt haben muss, als er diese Zeilen schrieb.

 

TS: Sie haben jetzt mehrmals eine Unterscheidung angesprochen: das Denken über etwas im Gegensatz zu einem Denken, das in sich selbst ein lebendiger Ausdruck des Lebens ist. In der deutschen Romantik, vor allem von Novalis, wurde die Poetisierung des Denkens gefordert. Hier hat das Denken einen tiefen spirituellen Anspruch, nämlich den der Nicht-Getrenntheit. Denken ist dann nicht nur eine Reflexion über etwas, sondern in sich ein lebendiger Ausdruck des Lebens auf der Ebene von Bewusstsein. Zeigt sich darin nicht die Möglichkeit einer Haltung, in der Denken und Spüren nicht mehr getrennt sind?

JG: Ja, wobei wir noch beachten sollten, dass das Denken einen Ausdruck sucht. Wenn sich das Denken ins Sprechen oder Schreiben hineinbewegt, dann wird es oft wieder beschränkter. Wie können wir dieses spürende Denken auch in der Interaktion und Kommunikation zum Ausdruck bringen? Das hat viel mit Einfühlung zu tun. Der Ausdruck unseres Denkens richtet sich ja immer an einen Menschen, der es hört und auf sich wirken lässt und darauf antwortet. Im kommunikativen Zusammenhang kann sich ein Denken, Fühlen, Spüren, das spirituell verankert ist, auch bewusst sein, dass wir in einem kollektiven, kommunikativen Begegnungszusammenhang stehen. Das Leben ereignet sich nicht nur individuell, sondern es ereignet sich gerade auch zwischen uns. Wir können gemeinsam vergegenwärtigen, wie sich das Leben gerade anfühlt – nicht nur ich oder Sie, sondern wir gemeinsam.

 

In den Sternstunden

TS: Das Denken wird oft als ein Prozess verstanden, der im Individuum entsteht. Aber das Gespräch, in dem wir uns jetzt befinden, ist ja auch ein Denken, das sich als ungeteiltes Ganzes in diesem Dialog entfalten kann. Dann prallen nicht nur zwei Denkweisen aufeinander, sondern es entsteht ein ungeteilter Ausdruck von Lebendigkeit im Gespräch.

JG: Wenn es uns beiden gelingt, uns in diesen gemeinsamen Erfahrungsraum einzustimmen, dann empfinden wir diese ungeteilte Dynamik. Ich möchte noch einen anderen Aspekt ansprechen, der mir hier wichtig erscheint. Sie gebrauchen das Wort „Denken“ sehr oft auch im Hinblick auf eine aufgeklärte Spiritualität. Aber ist es nicht so, dass das Medium der Spiritualität nicht das Denken ist, sondern die Aufmerksamkeit, die Offenheit des Geistes, die Offenheit der Seele oder die Offenheit des Bewusstseins?  Wenn ich jetzt so offen dem Leben entgegentrete – dem, was da ist, und auch dem, was die Welt irgendwie überschreitet oder subtil durchdringt –, dann empfinde ich ganz besonders in Sternstunden der Bewusstheit, dass sich mir eine Art von Struktur oder Weisheit zeigt. Ich nenne es am liebsten Intelligenz: Eine Art von Intelligenz erschließt sich mir, die das Ganze so gestaltet, wie es ist, die ich aber nicht durch Denken erfassen kann. Wenn ich diesen Moment des Lebens mit meinem Denken verstehen will, wird das Ganze drastisch reduziert. Die Welt ist so unendlich größer als das, was wir denkend erfassen können. Philosophie unternimmt den Versuch, die Welt denkend zu erfassen. Spiritualität geht einen Schritt weiter: Wir erfassen die Welt nicht nur denkend, sondern begegnen ihr in einer Offenheit des Geistes, in voller Präsenz, in voller Bewusstheit. Dann können wir etwas spüren, erfühlen, erahnen von der Intelligenz, die gerade am Werke ist. Die Intelligenz, die die Evolution so sein lässt, wie sie ist, die den Moment so sein lässt, wie er ist. Die Intelligenz, die diesen Moment hervorbringt, und uns leben und sprechen und jetzt zusammen sein lässt. Nun könnte man sagen, das ist alles einfach Zufall, auch dass wir jetzt dieses Gespräch führen. Aber das Wort Zufall finde ich dafür zu dumm. So dumm ist das Leben nicht, sondern es ist irgendwie gefügt, da sind viele Ströme und Verbundenheiten am Werke, die wir denkend nicht verstehen können. In diesen Sternstunden erkenne ich, dass mein Bewusstsein so viel kleiner ist  als die Fülle des Lebens, sodass ich selbst in den leuchtenden Momenten das Gefühl habe, ich kann nur eine Ahnung davon bekommen, wie groß das ist, was sich gerade ereignet.

 

TS: Gibt es nicht die Möglichkeit, diese Offenheit, die Sie beschreiben, denkend zu begleiten?

JG: Sie möchten die Beziehung zwischen Denken und Fühlen gern zugunsten des Denkens beantworten und darin spüre ich Ihre philosophische Herkunft. Ich komme eher aus der Psychotherapie und aus der Selbsterfahrung, deswegen ist mir das Fühlen sehr nahe. Ich würde es aber gar nicht Fühlen nennen, sondern Spüren. Sie können natürlich dieses Spüren denkend begleiten, nur würde ich sagen, dass gerade in den Sternstunden dieser großen Offenheit ein Gespür erwacht für dieses gewaltige Geschehen, was da Evolution, Kosmos – oder wie auch immer Sie das nennen wollen – heißt. In solchen Momenten ist es viel wichtiger, das zu spüren, zuzulassen und sich davon durchdringen zu lassen. Wir umfassen mit so viel Aufmerksamkeit und Bewusstheit wie möglich diese Größe des Lebens und lassen sie sich an uns ereignen. Wir verglühen darin, wie es Martin Buber einmal gesagt hat. Das finde ich interessanter, als es denkend zu begleiten, weil dieses denkende Begleiten eine Ablenkung darstellen könnte von dem, was eigentlich viel, viel wichtiger ist: diese Größe zu leben, zu erfahren, sich davon rühren und beeindrucken zu lassen. Wenn mir das gelingt, dann kommt mir mein Denken so unwesentlich vor – und ich bin ein guter Denker. Ich habe hinterher immer noch genügend Möglichkeiten, darüber nachzudenken. Aber im Erleben dieser Offenheit will ich den Moment in seiner Tiefe erforschen, erfassen und mich ihm hingeben. Natürlich sind Gedanken dabei, aber sie sind wie Blüten oder Farben, die einfach auch in diesem Moment dazukommen. Es ist schön, wenn man das eine oder andere auch in Worte fassen kann. So wie man eben ein Lied singen oder eine Melodie spielen könnte, so können wir auch Worte spielen. Und wir können schauen, was wir daraus lernen, wenn wir unser Leben wieder rekonstruieren und versuchen, gut zu leben und das Leben wirklich in seiner Tiefe zu erfahren und zuzulassen. Moderne abendländische Spiritualität ist meiner Ansicht nach darauf ausgerichtet, das Leben in seiner Größe und Tiefe zu erfahren und zu spüren: Wir lassen uns auf das Leben ein, vertrauen uns ihm an, spüren seine Größe und folgen der Intelligenz, die sich darin zeigt. Und wir leben unser eigenes, persönliches Leben als Teil dieses gewaltigen kosmischen Geschehens, das auch in uns lebt.

Der Text ist zuerst erschienen in evolve – Magazin für Bewusstsein und Kultur. Wir können es sehr empfehlen!
www.evolve-magazin.de
www.facebook.com/evolve.magazin

 

Über Dr. Joachim Galuska:

Der Psychotherapeut ist ärztlicher Direktor und Mitbetreiber der Heiligenfeld Kliniken für Psychosomatische Medizin in Bad Kissingen. Als Veranstalter des jährlich stattfindenden Kongresses der Akademie Heiligenfeld, gibt er sein eigenes Wissen weiter und diskutiert mit namhaften Persönlichkeiten über aktuelle Zeitfragen, wie beispielsweise eine menschengerechtere Wirtschaft und Medizin.
www.joachim-galuska.de

 

Veranstaltungshinweis:

Wieder gibt es den „Heiligenfelder Kongress“, diesmal zum Thema „Liebe“ in Bad Kissingen. Erwartet werden wieder um die 1000 Teilnehmer. Hier finden Sie alle Infos: www.kongress-heiligenfeld.de

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