Spiritualität als Lebensgrundlage – Sylvester Walch

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Spiritualität hat manchmal mit berechtigten Vorurteilen zu leben oder hat sich zumindest mit diesen Vorurteilen auseinanderzusetzen. Wie also sind spirituelle Wege zu beurteilen? Sicher braucht es mindestens eine innere Offenheit des Hinschauens, Hinhörens und Hinfühlens, um überhaupt begreifen zu können was geschieht. Ein renommierter Autor und Psychotherapeut wagt sich an das spannende Thema!

von Sylvester Walch

 

Spiritualität, so wird immer wieder erwähnt, sei unsinnlich, scheinheilig, konfliktverleugnend, weltabgewandt und dogmatisch. Das ist auch der Grund, warum manchmal Menschen in der Atemsitzung große Schwierigkeiten haben, zum Beispiel christliche Musik, etwa gregorianische Chöre, zu hören. Unversehens kommen sie beim Atmen in Kontakt mit Belastungen, die sie im religiösen Kontext erfahren haben, wie Machtmissbrauch und Übergriffen. Es geht um Weltbilder, denen man zu folgen hätte, die aber von denen,die diese verkünden, nicht gelebt werden usw. Wir müssen zwei Fragen stellen: Wie entsteht eine Doktrin, eine Ideologie, die sich gegen den Menschen wendet, und an welcher Stelle haben wir zu akzeptieren, dass wir unfertig sind und immer auch unseren Bildern und Visionen hinterherhinken.

Letzeres zu akzeptieren, ist gerade für den spirituellen Weg wichtig. Denn wenn wir unsere Unvollkommenheit, unsere innere Begrenztheit zulassen, dazu stehen, dann kann dies zu einem wichtigen Aspekt in der Spiritualität führen: zu Bescheidenheit. Wenn ich mich in Bezug auf das größere Ganze zu transformieren vermag und anerkenne, dass ich einem Weg folge, dass ich aber dabei unfertig, unverwirklicht bin, dann hilft mir das immer wieder, ein Stück gesunde Bescheidenheit zu leben. Das hat nichts zu tun mit einer religiös verordneten Bescheidenheit, bei der wir unsere Autonomie, unsere Fähigkeiten oder unsere Werte zurückzustellen, sozusagen unser Licht unter den Scheffel zu stellen hätten. Das würde auch nicht im Einklang mit Spiritualität stehen.
Es geht darum, das, was uns an Fähigkeiten mit gegeben oder geschenkt wurde, in die Welt einzubringen und dort auch zu verwirklichen. Und dass ein gesundes Selbstbewusstsein mir erlaubt, neben der Bescheidenheit auch eine Öffnung und eine Identifikation mit dem größeren Ganzen zu erlangen.

Dieses Spannungsfeld – einerseits die Großartigkeit unseres Lebens wahrzunehmen und gleichzeitig dabei die Kleinheit, die Verletzlichkeit, die Sterblichkeit anzuerkennen – hält uns dann im Gleichgewicht. Wir werden uns deshalb auch nicht davon stehlen, wenn wir Aufgaben zu erledigen haben, und werden uns gleichzeitig immer wieder bewusst machen, dass, wenn wir uns mit unserer Kraft zeigen, diese nicht nur durch unsere eigenen Entwicklungen erlangt wurde, sondern auch durch bestimmte Wachstumsimpulse: Moments of Grace; wo in einem Moment sich etwas fügt, außen wie innen, im Sinne einer hilfreichen Synchronizität, das uns ermöglicht, dass sich etwas von der Unter- in die Überschwelligkeit bringt und sichtbar wird. Und das sind Momente, wo äußere und innere Anliegen miteinander so subtil korrespondieren, dass aus dem tiefsten Inneren heraus Lösungen hervorgerufen werden, wobei der Einzelne nicht alleine der Hauptverantwortliche ist.

Zum Beispiel schon die Frage, wer in einer Kleingruppe zusammen kommt oder wer sich als Paar findet – es sind immer Wachstumspotenziale, Wachstumsimpulse enthalten. Natürlich können wir dann sagen: Lassen wir das zu, lassen wir uns führen? Oder vermeiden wir möglichst Wachstum und schauen weg?

Wenn wir aus der Balance geraten, in eine Krise geraten, liegt sehr viel Potenzial in dieser Situation. Weil sich in Krisen auch selbständig etwas umgestaltet, ohne dass wir unseren Widerstand einbringen könnten. Das Merkmal von Krisen ist ja, dass sie sich nicht einfach durch uns selbst aufheben lassen, sondern dass sie ihren eigenen Weg gehen, ihre eigene Kraft und Dynamik entfalten.

Natürlich können wir Krisen auch »ins Wort fallen«, indem wir Medikamente nehmen oder Alkohol trinken. Aber wenn wir sie zulassen, dann kann aus der Sprachlosigkeit einer Krise ein konstruktiver Dialog mit anderen oder dem größeren Ganzen werden.

Das größere Ganze ist hier nicht als etwas gemeint, das abstrakt über uns thront und uns dogmatisch unser Sündenregister vorhält, sondern heißt hier: in allem und in jedem anwesend. Und zwar als Modus des Offenseins füreinander. Es kann in einem Gespräch sein, es kann während einer Atemsitzung sein – plötzlich ist eine Offenheit da, wo vorher Verstrickung war. Vielleicht ist auch nachher wieder Konflikt, doch zwischendurch ist plötzlich eine Öffnung da, in der ganz von selbst im Zwischen dieser beiden Menschen sich etwas konstituiert, was wir als tiefe, verdichtete, als uns beseelende Atmosphäre erkennen und wahrnehmen. Und so verstanden ist das Göttliche mitten in der Welt und nicht jenseits davon in irgendeinem Elfenbeinturm, wo ich mich sozusagen entwickle, und wenn der andere das nicht tut, dann hat er mit dem Göttlichen keinen Kontakt. Leider kann man immer wieder in spirituellen Richtungen Sätze hören wie: »Der ist noch nicht soweit«, oder: »Der weiß das halt nicht.« Man versucht das Göttliche eher bei sich als beim anderen zu sehen. Doch nur dann bin ich für das Göttliche geöffnet, wenn ich es auch bei dem anderen sehe. Sollte ich es nur bei mir sehen, unterliege ich einer Illusion. Denn ich gehe dann davon aus, dass das Göttliche begrenzt ist und dass es sich in einzelnen Menschen mehr zeigt als in anderen.

Natürlich möchte man einwenden, dass es auch Menschen gibt, die zu grenzenlosen gewalttätigen Handlungen neigen. In der Geschichte der Menschheit gibt es viele Beispiele dafür. Dann taucht die Frage auf: Wie können wir das spirituell sehen, wie können wir damit umgehen? Wenn ein ungeheures Ungleichgewicht in der Welt ist, was die Verteilung der Güter anbelangt, wenn es einen Zweiten Weltkrieg gibt, wenn es Vernichtungslager gibt, wenn es Terror gibt usw. Ich werde oft bei meinen Vorträgen gefragt, wie ich das spirituell einschätze. Ich traue mir keine Antwort zu. Ich glaube, dass jede Antwort vermessen wäre, dies in irgendeiner Weise zu erklären.

Das ist nicht möglich. Ich kann es immer nur in Bezug auf Menschen sagen, dort, wo ich Menschen begleite: Wenn zwischen zwei Menschen spontan Öffnung entsteht und das Gefühl von Heilung und Heiligung innerlich sich vergegenwärtigt, dann erlebe ich bei mir selbst im Umgang mit den Menschen ein Weich werden. So wie die Menschen mir nachher berichten, passieren für sie Entwicklungsschritte auf ihrem Weg.

Vor diesem Hintergrund große kosmologische Theorien zu formulieren, wäre meiner Ansicht nach zu weit gegriffen. Aber wir können trotzdem in unserem ganz kleinen Bereich, auch wenn wir nicht wissen, was es zum Großen beiträgt, durch unsere eigene spirituelle Haltung überprüfen, ob dadurch mehr Liebe oder Wahrhaftigkeit ins Leben kommt. Schon bei uns selbst können wir beginnen.

Denn wenn wir mit uns liebevoller und wahrhaftiger sind, gelingt uns das Leben leichter und die Dinge gehen uns leichter von der Hand. Das können wir sagen: Je bewusster wir werden, desto leichter fügt sich etwas zusammen. Darüber können wir Aussagen machen, darauf können wir uns innerlich beziehen.

Spiritualität ist keinesfalls weltabgewandt. Man sollte sich trotzdem nicht dazu hinreißen lassen, alles erklären zu wollen, mit Konzepten, die über die persönliche Erfahrung hinausgehen. David Steindl-Rast hat dies immer deutlich gemacht: Je weiter wir von der persönlichen Erfahrung weggehen, desto ideologischer und dogmatischer können Inhalte werden. Deshalb ist das Zurückkommen auf die persönliche Erfahrung das Wesentliche, wenn man dem Vorwurf des Dogmatismus entgegentreten will.

Was sagt mir der andere? Auch wenn es mir widerstrebt, wenn es für mich so nicht passt, ist anderes dennoch anzuerkennen. Es muss nicht gleich sein, es muss nicht identisch sein. Was das Anderssein braucht, ist sein Anerkennen, sodass es als solches auch seine Existenzberechtigung hat.

Wir können das, was jemand sagt, als persönliche Erfahrung immer auch mit Respekt und Wertschätzung aufgreifen und nach dem Motto verfahren: Die persönliche Erfahrung des anderen hat eine gewisse Autorität, die nicht dadurch zu erschüttern ist, dass ich anderer Meinung bin.
Und da kommen wir zu dem zweiten Punkt: Es geht nicht darum, Konflikte zu vermeiden oder zu verleugnen, sondern wir versuchen, sie in einer konstruktiven Weise anzugehen, indem wir zunächst dieses Anderssein, das Konflikthafte und die Dissonanz anerkennen. Niemand kann mir sagen, dass das nicht spirituell wäre, Konflikte im Sinne der Differenz, der Dissonanz anzuerkennen.

Spiritualität heißt: Erkenne an, was ist. Und zwar so, wie es ist und wie du es erlebst und wie der andere es erlebt. Und in diesem Modus werden wir auch immer mit Konflikten zu tun haben und brauchen sie nicht zu verleugnen.

 

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Sylvester Walch: „Die ganze Fülle deines Lebens – Ein spiritueller Begleiter zu den Kräften der Seele

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Über Sylvester Walch

Dr. Sylvester Walch aus Oberstdorf ist Psychotherapeut, Dozent, erfolgreicher Autor sowie auch spiritueller Lehrer. In seiner langjährigen Arbeit verbindet er die gängige Psychotherapie mit transpersonaler Psychotherapie und Spiritualität. Er ist Gesamtleiter der Curricula für Transpersonale Psychologie, Holotropes Atmen und körperorientierte Verfahren. Er leitete über viele Jahre eine stationäre psychotherapeutische Einrichtung und hat Lehraufträge an verschiedenen Universitäten. Der Autor verfasste zahlreiche Artikel und seine Bücher „Dimensionen der menschlichen Seele“ und „Vom Ego zum Selbst“ wurden zu Bestsellern. Sylvester Walch verfügt über eine langjährige Meditationspraxis und entwickelte einen ganzheitlichen Weg, in dem seelische Heilung und geistige Praxis integriert werden.

www.walchnet.de

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