Spirit Humor: Jed McKenna trifft Eckhart Tolle – Ulrich Nitzschke

DieMEisterTextKennen Sie Jed McKenna? Niemand kennt seinen richtigen Namen, aber als Pseudonym hat er originelle, freche und ins Mark gehende Betrachtungen über Erleuchtung verfasst, die viele Suchende weltweit beeinflussten. Nun, und Eckhart Tolle muss man sicherlich niemanden mehr vorstellen. Wie würde wohl eine Begegnung dieser beiden Erleuchtungspromis aussehen? Ulrich Nitzschke war dabei…

Von Ulrich Nitzschke


Jed McKenna: Hi Eckhart. Nett, dass du mal hier reinschaust. Was verschafft mir die Ehre?

Eckhart Tolle: Ach, ne kleine Auszeit war einfach mal nötig. Du weißt schon: der ganze Stress, den du hast, wenn du ein berühmter spiritueller Lehrer bist. Ständig wirst du als Vortragsredner angefragt, sollst Interviews geben, musst deine Texte, die du schon auswendig kennst,  in immer neuen Varianten herausgeben. Ständig musst du am Ball bleiben, an deinem eigenen TV-Studio basteln, um die großen Sender professionell füttern zu können, deinen Anhängern was Neues bieten, um sie bei der Stange zu halten, attraktive neue Produkte entwickeln und vermarkten. Guck dir mal auf meiner Website an, wie mein Geschäft expandiert!

J: Ja, toll. Besonders gefällt mir deine Jetzt-Uhr, die mit Zeigern, aber ohne Zifferblatt. Geniale Idee! Und deine Lichttüten im Zehnerpack. Super praktisch! Da weiß man, wie man preiswert zur Erleuchtung kommt!

E: Mach du nur deine Witze. Ich finde das Ganze überhaupt nicht mehr lustig. Vielleicht habe ich mich verrannt? Ich überlege mir, ob ich nicht aussteigen sollte, bevor der Burn-out womöglich auch einen Erleuchteten wie mich einholt.

J: Guter Gedanke. Vielleicht zurück zu den Wochen der Glückseligkeit auf der Parkbank in London? Du weißt schon, der mit der Gedenktafel, die an deine Erleuchtung erinnert?

E: Mach dich nicht schon wieder lustig über mich. Mir ist diese Bank auch peinlich. Aber was willst du machen? Gehörst du einmal zu den Promis, machen deine Fans mit dir, was sie wollen. Dabei habe ich nichts anderes gemacht als ihrem  ausdrücklichen Wunsch zu folgen, sie an meinem Wissen teilhaben zu lassen. Was kann ich denn dafür, dass ausgerechnet eine Super-Talkshow Entertainerin auf meine Story  hundert pro abfährt?

J: Du kannst einem schon wirklich leid tun, Eckhart. Andererseits muss es doch auch tolle – sorry für den Lapsus: ich meinte tollsein zu wissen, dass dein Buch der spirituelle Best-Seller schlechthin geworden ist, mit einer riesigen Auflage und Übersetzung in ein Dutzend Fremdsprachen. Was für eine Möglichkeit für dich, die Erleuchtung weltweit echt voranzubringen! Womöglich sogar bis zur kritischen Masse, von der ja, wie du ja auch selbst  sagst,  die Rettung der Menschheit und ihres Planeten abhängt!
Apropos: Wie sieht denn der Erfolgsquotient bei dir aus? Bei so einer Riesenzahl von Lesern und Zuhörern, die du hast, muss es doch geradezu wimmeln von Leuten, die sich als durch deine Lehre erleuchtete Schüler outen,

E: Ehrlich gesagt, Jed, da triffst du einen wunden Punkt. Meine Fans bewundern mich, fühlen sich spirituell geliftet, aber so richtig aufwachen tut eigentlich keiner. Kannst du mir sagen, woran das liegen könnte?

J: Ich weiß es nicht, aber ich kann es mir vorstellen.

E: Spuck’s aus, Jed.

J: Schau mal Eckie:
Unter welchen Umständen bist du selbst erwacht? In einer abgrundtiefen Depression, völlig überraschend, völlig unvorbereitet. Stimmt’s? Erst Jahre danach ist dir klar geworden, was da geschehen ist, richtig? Dann erst hast du angefangen darüber zu reden und daraus ist schließlich dein Buch entstanden.

E: Genau so war es. Ich hatte nach all den Jahren wieder eine Identität und dazu noch eine total attraktive. Ich war nun ein spiritueller Lehrer, dem die Menschen an den Lippen hingen, weil sie meinten: der ist erleuchtet, der kann uns zeigen, wie das geht. Und das habe ich auf meine Art, nach bestem Wissen und Gewissen, auch wirklich versucht. Glaub mir!

J: Hast du. Aber irgendwie war der Wurm drin. Oder?

E: Kann ich nicht ganz abstreiten, Jed.

J: Wenn du mich fragst: der Wurm liegt darin, dass die Erwartungen deiner Leser und Hörer nicht mit deinem Lehransatz kompatibel sind – oder umgekehrt. Sieh es mal so: Du selbst bist in einem Zustand tiefer Depression erwacht. Wenn dich nun andere bitten, ihnen zu sagen, wie sie ebenfalls erwachen können, dann kannst du ihnen nicht gut, – wie in deinem Buch – nur Ratschläge geben, die aus der Zeit stammen, in der du durch deinen nachträglichen Lernprozess wusstest , was Erleuchtetsein bedeutet.

Nach deiner eigenen unmittelbaren Erfahrung jedenfalls  hättest du deinen Schülern eigentlich sagen müssen: versucht es mal mit tiefer Depression; bei mir hat es so funktioniert. Was natürlich Unsinn ist. Denn erstens kann man sich nur schlecht zum Zwecke der Erleuchtung absichtlich in eine Depression stürzen. Und zweitens würden sich deine Vortagssäle sehr rasch leeren, wenn du so etwas vom Podest aus der Welt verkünden würdest – und dein Renommee als Bestseller-Autor wäre perdu.

E: Weiter…

J: …wenn du aber aus deiner Erwachten-Sicht deinen unerwachten Schülern Ratschläge gibst wie „Verbleibe von nun an im Jetzt“, „Habe tiefe Wurzeln im Innern“ oder „Gib die Beziehung zu dir selbst auf“ (von dieser Sorte habe ich in deinem Buch an die 400 gezählt!) , dann erreichst du sie nicht. Schlimmer, du setzt ihnen einen dicken, fetten Floh ins Ohr. Du suggerierst ihnen, sie könnten durch Absolvierung eines riesigen Pensums von Bewusstwerdungs-Aktivitäten tatsächlich vom „verrückten Normalmenschen“, wie du es ziemlich zutreffend nennst, zur erleuchteten Strahlefigur werden – was sie aber nicht können. Warum? Weil sie mit ihrem ICH, das Empfänger deiner Ratschläge ist und dieses Pensum bewältigen soll, nicht klarkommen. Nicht klarkommen können. Warum?

E: Weil sie nicht wissen, was es mit ihrem ICH in Wirklichkeit auf sich hat.

J: Bingo, Eckie, du hat es erfasst. Hab mich nicht in dir getäuscht. Bist einfach ein ganz schön cleveres Bürschchen! Lass uns in Kontakt bleiben…äh…hm…könntest du mir mal bei Gelegenheit so’n Zehnerpack Lichttüten zukommen lassen – so als Werbegeschenk oder so?


Von Ulrich Nitzschke
Jahrgang 1940. Studium der Geisteswissenschaften, über dreißigjährige Berufslaufbahn im Diplomatischen Dienst, seit 2004 freiberufliche Tätigkeit als Mentor und Autor in Bonn. Verfasser vieler Bücher, zuletzt „Revolution im Spiri-Land“

www.samurai-21.de

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  2 Kommentare für “Spirit Humor: Jed McKenna trifft Eckhart Tolle – Ulrich Nitzschke

  1. 26. November 2014 um 17:57

    Grossartig!

  2. Richard Esser
    30. November 2014 um 23:12

    Lieber Ulrich,

    nachdem wir uns das letzte Mal mit Jed getroffen hatten und Du das Interview aufgenommen hast, habe ich mir überlegt, dass ich das in Zukunft anders machen werde.
    Wir brauchen das gar nicht mit der Erleuchtung. Jeder soll einfach Freude in seinem Leben haben und sich fühlen. Herr über seine Gedanken werden wir sowieso nicht. Vielleicht haben wir häufiger mal die Wahl bei unserem Tun.
    Wenn mir danach ist schaue ich mal was hinter dem Denken ist.

    Eckhart

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