Nahtoderfahrung

Klinisch gesehen ist immer noch unklar, wann der Hirntod eintritt. Daher ist die physiologische Definition einer Nahtoderfahrung (NTE) noch schwieriger. Der Heidelberger Psychiater Michael Schröter-Kunhardt betont, dass

„der Mensch durch die Beschaffenheit seines Gehirns darauf ausgerichtet ist, mystische Erfahrungen zu machen. Er ist von vornherein ein religiöses Wesen. Wenn Sie möchten, können Sie das Ganze mit einem Flugsimulator vergleichen, der den Piloten auf das wahre Fliegen vorbereitet. Der Zweck dieses biologisch initiierten Programms ist es, den Leuten zu zeigen, dass der Tod nicht das Ende ist.“ (Michael Schröter-Kunhardt in: Gehirn&Geist 1/2003)

Dennoch werfen NTEs einige wesentliche spirituelle Fragen auf. Könnte es nicht sein, dass das individuelle Bewusstsein oder ein Teil davon durch den körperlichen Schock (der zumindest bei den klinischen Berichten vorhanden ist) tatsächlich in der Welt des Bewusstseins „reist“ und Dinge sieht, die im normalen Wachbewusstseinszustand so nicht wahrzunehmen sind, z.B. der eigene Körper von außen. Dieser Zustand ist allerdings auch in anderen Situationen zu erreichen, wenn z.B. eine hohe körperliche und konzentrative Anforderung an den Menschen besteht. Stress kann auch ein Auslöser dafür sein, sich plötzlich wie von außen zu sehen. Wer oder was sieht sich dann selbst an?
Eine NTE beginnt meistens mit einer Art „Tunnelerfahrung“, sozusagen umgekehrt zur Geburt. Der Begriff „Nahtoderfahrung“ wurde erst 1975 von Dr. Raymond Moody geprägt. Die Nahtoderfahrung trat zwar sicherlich auch schon in früheren Zeiten auf, aber erst heute wird gehäuft davon berichtet, da die Fortschritte der Medizin ein Überleben (und damit Berichten) viel häufiger ermöglichen, als es früher der Fall war. Wir kennen heute zahlreiche Berichte von so genannten „klinisch Toten“, bei denen also Herzschlag und Atmung ausgesetzt hatten und der Herztod eingetreten war. Beim klinischen Tod arbeitet das Gehirn noch, es sind nach wie vor leichte Hirnströme zu messen, manchmal jedoch auch nicht.

„Heute dominiert unter Wissenschaftlern immer noch die orthodoxe Vorstellung von der bewusstseinserzeugenden und –erhaltenden Funktion des Gehirns. Daher stammt auch die fälschliche Annahme, dass mit dem Gehirntod alles aus ist, dass mit dem endgültigen Aussetzen des Gehirnapparats auch das Bewusstsein erlischt. … Zahllose gut dokumentierte Nahtoderlebnisse belehren eines besseren.“ (Ernst Meckelburg 1991, 125)

Logischerweise können nur diejenigen „Toten“ davon erzählen, die ins Leben zurückkehrten. Die amerikanischen Nahtodforscher Dr. Margot Grey und Dr. Kenneth Ring beschrieben als immer wiederkehrenden Kern der Erfahrung folgende Merkmale:
ein verändertes Gefühl (Frieden, Freude, Gelöstheit)
eine Empfindung der Ablösung vom Körper, für gewöhnlich verbunden mit höherer Bewusstheit
eine Reise durch einen Tunnel entweder in eine transzendente Welt oder in eine körperlichere Welt wie ein himmlisches Tal, einen Garten oder eine Stadt
die Erfahrung von Licht und Schönheit
Begegnungen in einer Geisterwelt mit verstorbenen Verwandten, → Geistern oder „Führern“ und manchmal auch religiösen Personen oder sogar „Gott“.
Die Forscher untersuchten auch die Wirkung auf die Personen, die diese Erfahrung machten. Insgesamt ähneln sich die meisten NTEs, unabhängig von Nationalität, Rasse, Geschlecht und Religion der Erfahrenen. Der Bewusstseinsforscher und klinische Mediziner Dr. Rick Strassman, der einige Jahre mit der biochemischen Substanz DMT forschte, konnte mit diesem Tryptamin, das dem LSD ähnlich ist, aber schneller und kürzer wirkt, bei Probanden Nahtodzustände künstlich hervorrufen. Sie schilderten ähnliche (aber auch unterschiedliche) Erlebnisse wie Menschen, die eine „natürliche“ Nahtoderfahrung machten. Strassman fand auch heraus, dass bei einer Nahtoderfahrung höhere Mengen an DMT vom Körper, insbesondere von der Epiphyse (→ Zirbeldrüse), erzeugt werden.
Es gibt natürlich Skeptiker, die mit verschiedenen Argumenten versuchen, die Nahtoderfahrung, die ja oft Ähnlichkeiten mit der „normalen“ außerkörperlichen Erfahrung wie etwa in Trancezuständen aufweist, als besondere Form der Halluzination abzutun. Dennoch sprechen viele Berichte und Untersuchungen eher für einen außerordentlichen Bewusstseinszustand. „Falls Nahtoderfahrungen Hinweise auf unseren Sterbeprozess geben, findet beim Sterben eine tief greifende Verlagerung des Bewusstseins statt, die es davon wegführt, sich mit dem Körper zu identifizieren.“ (Rick Strassman 2004, 123) „Tod ist nichts, was wir zu fürchten haben. Die einzig schlechte Sache am Tod ist die Trauer, die er hinter sich lässt. Die Menschen, die zurückgelassen werden – sie leiden, nicht die Verstorbenen“ sagt Dr. Allan Lewis.
Britische Forscher glauben, inzwischen schlüssige Hinweise auf ein Leben nach dem Tod gefunden zu haben. In einer Studie mit 63 Herzstillstand-Patienten berichteten jüngst sieben Betroffene, nach dem Herzstillstand Freude und Hoffnung gefühlt und ein helles Licht am Ende eines Tunnels gesehen zu haben. „Diese Studie liefert die bisher besten Hinweise darauf, dass es ein Leben nach dem Tod gibt“, sagte Studienleiter Dr. Sam Parnia von der Universität Southampton in der „Ärzte Zeitung“. „Sieben der 63 von uns untersuchten Herzstillstand-Patienten berichteten von einer Near Death Experience (NDE). Vier dieser Patienten erfüllten eindeutig alle klinischen Kriterien einer NDE.“ Die Betroffenen berichteten über Gefühle wie Freude und Hoffnung, ein helles Licht, Wärme und mystische Wesen sowie verstorbene Verwandte. Alle Patienten hatten zu diesem Zeitpunkt bereits keine Hirnströme mehr. Wie es zu diesen Erfahrungen kommt, ist wissenschaftlich heftig umstritten. Dr. Niels Birbaumer, Direktor des Instituts f. Medizinische Psychologie, Universität Tübingen sagt: „Selbst in der internationalen Definition des Hirntodes wird nicht klar, wann genau dieser Eintritt.“ (in: Geist & Gehirn, 1/2003)
Einige Studien brachten bestimmte Sauerstoff- und Kohlendioxidkonzentrationen im Gehirn mit den so genannten Nahtoderfahrungen in Verbindung. 1994 ließen Mediziner der Virchow-Klinik gesunde Versuchspersonen so lange schnell und hastig atmen (hyperventilieren), bis sie schließlich in Ohnmacht fielen. Die Versuchspersonen berichteten übereinstimmend von sehr ähnlichen Erlebnissen wie Sterbende: Sie verließen ihren Körper oder sahen ihr Leben wie in einem Film ablaufen.
Für Studienleiter Dr. Sam Parnia von der Universität Southampton kommt diese Erklärung für die Herzstillstand-Patienten jedoch nicht in Frage: Parnia betont, dass die sieben Patienten mit NTEs sogar höhere Sauerstoffkonzentrationen aufwiesen als Patienten ohne ein solches Erlebnis. Ein Mangel an Sauerstoff als Ursache für die Erlebnisse scheidet laut Dr. Parnia somit aus. Als schlichte → Halluzinationen ließen sich die Patientenerfahrungen ebenfalls nicht befriedigend erklären. Dr. Parnia in der „Ärzte Zeitung“:
„Alle Patienten konnten sich genau und sehr detailliert an das Erlebte erinnern. Das deutet nicht auf Halluzinationen hin. In einem Zustand wie dem ihren dürfte das Gehirn eigentlich weder zu so klaren Prozessen in der Lage sein, noch sollte man meinen, dass es dauerhafte Erinnerungen speichern kann.“
Er selbst sei zu Beginn der Untersuchung skeptisch gewesen, doch nun sei er davon überzeugt, „dass es da noch etwas anderes gibt“.
Medikamentöse Nebenwirkungen oder eine überhöhte Kohlendioxidkonzentration im Körper treffen als Erklärung ebenfalls nicht zu. Die Konzentrationen der Nahtodpatienten unterschieden sich nur geringfügig von denen jener Patienten ohne NTE. „Die Frage ist, ob all dies auf ein Leben nach dem Tod hindeutet“, so Dr. Parnia weiter. „Dazu müssen mehr Studien vorgenommen werden.“

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