Mantra

Mantra (Sk. „heilige Silbe“)

„Am Anfang war der Wind. Durch sein Wirbeln bildete er die Urformen und den Urgrund der Welt. Dieser Wind tönte, und also war es der Ton, der die Stoffe formte. Durch das Tönen der ersten Urformen, des Urgrunds, entstanden weitere Formen, die ihrerseits kraft ihres Tönens neue Gestalten hervorbrachten. Der Ton bringt alle Formen und Wesen hervor. Der Ton ist das, wodurch wir leben.“ (Zitat eines → Lamas, nach Alexandra David-Néel 1983)

„Am Anfang war das Wort“ heißt es in der hebr. Genesis. Wind, Wort, Klang und Ton sind Synonyme für die erste Schwingung, die das Universum hervorbrachte. Wir finden diese Idee in den meisten Schöpfungsmythen. Jeder Klang lässt umgekehrt die Schöpfung immer wieder neu entstehen und erhält sie in der Bewegung. Die Stimme des Menschen war sein erstes Klanginstrument, um mit den Erscheinungsformen der spirituellen und physischen Wirklichkeiten, mit den Lebewesen der Natur, den → Geistern, Naturkräften, Göttern und Ahnen zu kommunizieren.
Im Gespräch mit der Orientalistin Alexandra David-Néel (1868-1969) sagte ein Lama einmal:

„Um zu kommunizieren, ist es notwendig, zu hören, dem Klang der Welt zu lauschen. Dem Klang des Wassers, des Windes, dem Grollen des Donners und der Erde, des Feuers, der Pflanzen und der Tiere – alle verständigen sich in einer Sprache ohne Worte: mit dem Klang. Alle Wesen, alle Dinge, selbst die, die keine Seele zu haben scheinen, bringen Töne hervor. Jedes Wesen, jedes Ding hat eigene, spezifische Töne, die sich verändern, abhängig von der Phase, in der sich das Wesen befindet. Alles ist eine Konzentration von Atomen, die tanzen, sich bewegen und Töne produzieren.“ (Alexandra David-Néel 1983)

Die frühen Menschen haben vermutlich versucht, mit Stimmlauten und Naturmaterialien diese Naturklänge nachzuahmen, um eine beabsichtigte Wirkung zu erzielen. Nachzuahmen heißt, sich anzuschließen an das Schwingungsfeld, an den Klang dessen, was nachgeahmt wird. Kenne ich die Schwingung einer bestimmten Kraft, so kann ich sie herbeirufen, abwehren und beschwören – und zwar, indem ich ihren „Klang“ nachahme, ihre Schwingung und ihren Rhythmus absichtlich annehme. Ein Sk.-Sprichwort sagt: „Der Ton ist die Mutter der Natur, aber der Rhythmus ist der Vater.“
Rhythmus ist Bewegung, und Bewegung ist das Merkmal unseres Lebens: Atem, Herz- und Pulsschlag. Der Zustand unseres Körpers, unseres Geistes und unseres Gemüts drückt sich aus im Rhythmus dieser drei. Vom Rhythmus des Atems, Herz- und Pulsschlages lassen sich Rückschlüsse ziehen auf den Zustand von Körper, Geist und Gemüt.
Der menschliche Körper ist ein lebendiger Resonanzkörper, jede Schwingung eines Klangs hat Auswirkungen auf Atem, Herz- und Pulsschlag. So ist es möglich, den Rhythmus und den Ton eines Körpers wahrzunehmen, Störungen in seinem Schwingungsfeld zu erkennen und auf diese Störungen mit Rhythmus und Klang regulierend einzuwirken.
In der Praxis vieler spiritueller Wege werden Gesang, Töne, Klänge, Mantras eingesetzt, um sich ins Schwingungsfeld des Bewusstseins einzuweben und so die eigene, seelische Schwingungsebene anzuheben. Das indische Wort mantra steht für die bekannteste Technik der Rezitation von „hl. Silben“ und hat, ähnlich wie → Karma und → Chakra Einzug in unser allgemeines Vokabular gehalten. Eine Übersetzung von Mantra lautet: „etwas, worauf der Geist sich stützt“.
Es wird auch gelehrt, dass das Mantra den Geist schützt. Etymologisch stellt man die erste Silbe von Manas „Geist“ dar, während die Silbe -tra den Werkzeugcharakter einer Sache andeutet. In diesem Sinne ist ein Mantra erst einmal ganz neutral ein Werkzeug für den Geist, aber auch z.B. im buddhist. Sinne ein Werkzeug, das den Geist schützt – vor eingefahrenen Gedankenschleifen, vor eingefahrenen emotionalen Mustern.
Ein Mantra hat aber auch die Funktion, das Bewusstsein des Menschen zum Erwachen bringen. Im Mantra verbindet sich der „gewöhnliche“ Klang mit dem Schöpfungsklang, der die schöpferischen, verwandelnden und zerstörerischen Kräfte in sich birgt. Im Mantra verbindet sich auch die gewöhnliche Luft, die wir atmen, mit der kosmischen Energie, die allem Leben „den Atem einhaucht“. Diese Qualität durchdringt alles Lebendige.
Das bekannteste Mantra ist → OM, eigentlich AUM geschrieben. Dieses Wort bedeutet auch tatsächlich „Erwachen“. Es ist die erste Schwingung, die das Universum hervorbrachte. Im tibet. Buddhismus ist OM MANI PADME HUM das beliebteste Mantra und bedeutet, dass das „höchste Ich“ in mir zur Weisheit im Mitgefühl erwachen soll.

„Mantras haben nicht nur Klang, sondern auch Form und Farbe. Die Form oder das archetypische Bild oder Symbol, mit dem es verbunden ist, muss im Augenblick der Rezitation heraufbeschworen werden, da dieses Bild der Speicher all der psychischen, emotionalen und spirituellen Energie ist“ (John Blofeld 1978, 149).

Ein Mantra birgt also zweierlei: Es ist eine Schwingung, die mich mit dem Schwingungsfeld des bewussten Universums verbinden soll, und es enthält eine Bedeutung, die ich lebendig werden lassen möchte, die mein Leben erfüllen soll. Die Auffassungen darüber, wie häufig ein Mantra zu rezitieren ist, gehen auseinander: In manchen Traditionen und Übungssystemen soll es 100 000 Mal oder öfter rezitiert werden, in anderen dient es lediglich zur Induktion einer tieferen Meditation. Die Kraft des Mantras beruht in jedem Falle auf dem Prinzip der ständigen Wiederholung, ähnlich wie bei Gebetstechniken in der christl. Mystik (→ christliche Mystik).
Neben dem Aussprechen oder Singen des Mantras gibt es eine Methode, die mit dem Atemfluss verbunden ist: ajapa-japa. Dabei wird z.B. das Mantra SOHAM mit der Silbe SO eingeatmet und mit der Silbe HAM ausgeatmet. Der Name soll aus dem Herzen kommen und nicht aus dem Mund. Wenn er aus dem Mund kommt, nennt man ihn japa, aus dem Herzen ajapa. In dieser Übung wird der unendliche Kreislauf des Atems selbst zum Meditationsobjekt. Siehe auch: → Herzensgebet, → Dhikr, → Songlines.

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