Ich habe ein Beziehungstrauma – Oliver Bartsch

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© Carol I / photocase.com

Nach nichtrepräsentativen Erhebungen leidet jeder zweite Mensch an den Folgen einer unsicheren Bindung zu den primären Bezugspersonen seiner Kindheit. Wenn das nicht nur eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Psychologen und Therapeuten ist, dann haben wir da ein gewaltiges gesellschaftliches Problem. Oliver Bartsch, Journalist und angehender Gestalttherapeut, hat dazu etwas zu sagen, denn er ist selbst einer von denen, deren Leben von einem »Beziehungstrauma« geprägt war…

Von Oliver Bartsch


Am Anfang ist nicht das Wort (wie die Bibel es sagt) oder der Urknall (wie die Physiker sagen), sondern die Beziehung. So sieht es jedenfalls der Sozialphilosoph Martin Buber (1878-1965). Die zentrale These, für die er berühmt wurde, lautet: „Der Mensch wird am Du zum Ich“. In den 1950er Jahren entwickelte der englische Psychiater John Bowlby die Bindungstheorie, die auf der Annahme beruht, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis haben, enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen. Die Fähigkeit, eine sichere, auf gegenseitigem Vertrauen basierende Beziehung eingehen zu können, gilt spätestens seitdem als für die psychische und physische Gesundheit des Menschen sehr wichtig.

Nicht repräsentativen Erhebungen zufolge leiden rund fünfzig Prozent der Menschen an den Folgen einer unsicheren Bindung zu ihren primären Bezugspersonen (meistens sind das die Eltern). Die Folge von solchen Bindungsstörungen, die durch Beziehungstraumata in den ersten Lebensjahren hervorgerufen werden, können psychosomatische Störungen, Beziehungsphobien oder sogar Persönlichkeitsstörungen sein. Tiefgreifende und chronisch gewordene Beziehungsstörungen bedürfen in den meisten Fällen einer Traumatherapie, weil nur im „echten Kontakt“ zu einem Therapeuten die Störungen auch wieder behoben werden können. Wie verheerend sich eine fehlende sichere Bindung auf das eigene Empfinden, Fühlen, Denken und Handeln auswirkt, habe ich am eigenen Leib erlebt.

Ich habe ein Beziehungstrauma

„Sie haben ein Beziehungstrauma“, offenbarte mir meine Therapeutin. Statt schockiert oder wütend zu sein, war ich sehr froh und erleichtert und wusste gleich, dass sie Recht hat. Endlich sagt mir mal jemand, was mit mir los ist, dachte ich und fühlte mich das erste Mal im Leben so richtig wahrgenommen und erfühlt. Bei meiner Therapeutin, die mit mir nach der NARM-Methode (dem Neuroaffektiven Beziehungsmodell nach Heller und Lapierre) arbeitet, hole ich das nach, was ich nie gelernt habe: Kontakt zum eigenen Körper aufnehmen, die Wahrnehmung und das Äußern eigener Bedürfnisse, Vertrauen zu gesunder wechselseitiger Abhängigkeit aufbauen, authentischen Selbstausdruck äußern und zu guter Letzt die Verbindung von Liebe und Sexualität zulassen.

Ich habe kein Urvertrauen entwickeln können, für mich ist jede Begegnung mit einem Menschen mit Stress und Unsicherheit verbunden. Da ich von meinen primären Bezugspersonen ein unsicher-ambivalentes Verhalten übernommen habe (Kinder lernen durch Nachahmung), bin auch ich ein unsicher-ambivalenter Bindungstyp geworden. Unsicher-ambivalente Bindungstypen (nach dem Bindungsforscher John Bowlby gibt es noch unsicher-vermeidend und desorganisierte Bindungstypen) haben gleichzeitig zwei einander widersprechende Gefühle: Auf der einen Seite habe ich eine große Sehnsucht nach Nähe, auf der anderen Seite eine große Angst vor Autonomieverlust, ja Identitätsverlust, wenn ich der Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit nachgebe. Das führt zu einem dauernden lähmenden inneren Konflikt, der zu einer entsprechenden Handlungsunfähigkeit mit Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit führt. Ich fühle eine große innere Leere, die ich mit Süchten voll stopfe, um den Schmerz nicht spüren zu müssen, der sich gebildet hat, weil ich nicht der sein durfte, der ich bin.

Wie alles begann

Meine frühe Kindheit war geprägt von einem abwesenden Vater und einer abwechselnd überfürsorglichen und emotional distanzierten Mutter, die sehr starre Regeln hatte, was Sauberkeit, Kleidung und Essverhalten anging. Ich habe also von morgens bis abends gehört, was das Beste für mich ist. Dazu hatte ich noch einen Loyalitätskonflikt zwischen meiner Oma und meiner Mutter, die vor meinen Augen darüber stritten, welche Erziehungsmethode wohl die bessere sei und sich gegenseitig beschuldigten, mich zu verhätscheln oder zu nachsichtig zu sein. Ich kann mich zum Beispiel nicht erinnern, dass ich irgendwann einmal zum Trost in den Arm genommen wurde, dafür wurde ich aber von allem ferngehalten, was schmutzig macht und dauernd mit Essen getröstet Als Erstgeborener musste ich zudem sehr früh die Rolle des abwesenden Vaters übernehmen. Dazu kommt noch ein unverarbeiteter Trauerfall in der Familie: Meine ein Jahr vor mir geborene Schwester starb mit drei Monaten an einer Missbildung, hervorgerufen durch eine Schlaftablette mit dem Namen »Contergan«. Den negativen Gefühlscocktail von Trauer, Schuld, Scham und Angst, auch ich könnte mit Missbildung zur Welt kommen, habe ich im Bauch meiner Mutter natürlich voll mitbekommen. Ich kam mit der Nabelschnur um den Hals zur Welt, entwickelte eine Allergie gegen Hausstaubmilben und wäre ein paar Mal an Asthmaanfällen fast erstickt.

Da meine Mutter als Alleinerziehende mit zwei Kindern dauernd überfordert war, habe ich früh gelernt, rücksichtsvoll zu sein, die eigenen Bedürfnisse zu ignorieren und mich unsichtbar zu machen. War mir das gut gelungen, gab es zur Belohnung Spielsachen, Fernsehen oder Essen. Gewünscht hätte ich mir eine liebevolle Umarmung, einen gemeinsamen Spieleabend oder ein wenig Anerkennung in Form von Lob.

Über meine Beziehungen mit Frauen habe ich 2010 einen eigenen Bericht geschrieben, ohne wirklich zu wissen, was mit mir los war. („Ich werde sowieso verlassen, und dann sterbe ich“, in Connection Spirit 6/10). Bis heute habe ich viele gescheiterte Beziehungsversuche hinter mir. Die Zeit des „Versuch und Irrtum“ war aber nicht nur sehr schmerzhaft, sondern auch sehr wichtig für die Bewusstwerdung meines Themas: Ich fühlte mich von Frauen angezogen, die von Männern emotional oder körperlich missbraucht wurden. Dies aktivierte mein Helfersyndrom und meine Retterfantasien. Ich wollte die Frauen davon überzeugen, dass es auch gute und liebevolle Männer gibt. Aber erstens wollten die Frauen nicht gerettet werden, sondern sich selbst retten, und zweitens war ich selbst still übergriffig, denn ich verliebte mich ständig Hals-über-Kopf in jüngere Frauen, um mich als heldenhafter Retter anzubieten. Meine wirklichen Bedürfnisse nach Intimität und Sex habe ich dabei verschwiegen. Es war mir wirklich völlig unmöglich, meine Bedürfnisse direkt und offen anzusprechen. Als Folge davon wussten die Frauen einfach nicht, was ich von ihnen wollte, hielten mir brutal den Spiegel vor oder nahmen einfach Reißaus.

Wie entsteht ein Beziehungstrauma?

Was passiert mit der Psyche von Menschen, die ein Beziehungstrauma erleiden? Zunächst einmal muss ich Beziehungstrauma bzw. Entwicklungstrauma in Abgrenzung zum Schocktrauma, dem ein singuläres Ereignis wie Vergewaltigung, Krieg oder Unfall zu Grunde liegt, definieren: Ein Beziehungstrauma entsteht, wenn der Organismus über einen längeren Zeitraum wiederholt geistig-seelischen und / oder körperlichen Einflüssen ausgesetzt ist, die das Kind ängstigen, über- bzw. unterfordern oder ihm das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit vermitteln. Somit kann es zu keiner adäquaten Verarbeitung dieser Einwirkungen kommen und es werden Adaptionsstrategien entwickelt.

Das Trauma kann durch emotionale Vernachlässigung oder Überfürsorge entstehen, aber auch durch Erfahrungen von Verlassenheit (z. B. längere Krankenhausaufenthalte, Heimunterbringung etc). Nach dem amerikanischen Psychologen Peter Levine entsteht Trauma, wenn der Organismus sich in einer für ihn lebensbedrohlichen Situation befindet, die Gefühle wie Hilflosigkeit und Ohnmacht in ihm hervorruft, und der ursprünglich natürliche Zyklus von Orientierung, Flucht, Kampf und Immobilitäts-Reaktion nicht vollständig durchlaufen werden kann oder gar nicht erst zustande kommt. Das Trauma ist somit eine biologisch unvollständige Antwort des Körpers auf eine als subjektiv lebensbedrohlich erfahrene Situation. Das Nervensystem hat dadurch seine volle Flexibilität verloren.

Die Folge davon sind eine hohe und dauerhafte Übererregung des autonomen Nervensystems (Dauerstress), eine schlechte Selbstregulation (Schwierigkeiten sich zu entspannen, mit Emotionen umzugehen, Bedürfnisse zu fühlen und diese adäquat zu erfüllen) und vor allem Beziehungsstörungen (Angst vor Nähe, Stress mit Sexualität, Vermeidungsverhalten, Zynismus, Ironie, symbiotisches Verhalten oder inneres Allein-Sein).

Beziehungstraumata haben ihren Ursprung in der frühen Kindheit. Über die Nahrungsaufnahme hinaus haben der Säugling und das Kleinkind Bedürfnisse, deren Befriedigung eine feinfühlige Bezugsperson voraussetzt und für das geistige, emotionale und seelische Wachstum essentiell wichtig sind. Jede Therapieschule definiert die Bedürfnisse ein wenig anders. Das NARM-Therapiemodell beinhaltet fünf Bedürfnisse, die gleichzeitig notwendige Ressourcen für die Lebensbewältigung darstellen:
* Kontakt. Wir haben das Gefühl, auf diese Welt zu gehören. Wir sind in Kontakt mit unserem Körper und unseren Gefühlen und sind zu durchgängigen Beziehungen zu anderen imstande.
* Bedürfnisse. Wir wissen, was wir brauchen, und sind in der Lage auf andere zuzugehen, wenn wir ihre Fürsorge und Zuwendung von ihnen brauchen. Wir können uns an der reichen Fülle des Lebens erfreuen.
* Vertrauen. Wir haben ein inhärentes Selbstvertrauen und Zutrauen zu anderen. Wir fühlen uns sicher genug, um gesunde wechselseitige Abhängigkeitsverhältnisse mit anderen zu erlauben und uns auf sie zu verlassen.
* Autonomie. Wir können Nein sagen und anderen gegenüber klare Grenzen setzen. Wir sagen, was wir denken, ohne dabei von Schuldgefühlen oder Angst geplagt zu sein.
* Liebe. Unser Herz ist offen und unser Nervensystem im Gleichgewicht, was liebevolle Beziehungen und eine gesunde Sexualität unterstützt.

Werden diese essentiellen Bedürfnisse erfüllt, entwickelt sich das Kind mit seinen Kernressourcen zu einem lebendigen und kreativen Menschen, dem es gelingt, vollauf im Hier und Jetzt bei sich selbst und anderen zu sein. Werden diese essentiellen Bedürfnisse nicht erfüllt, etwa durch Vernachlässigung oder Übergriffigkeit, dann entstehen im Kind negative Grundannahmen über sich selbst (z. B. »Ich bin nichts wert«) und es entwickelt »Lösungen« zum Selbstschutz und zum Schutz der Bindungsbeziehungen. Diese Lösungen sind Überlebensstrategien, die in der Frühzeit unseres Lebens geholfen haben, schmerzhafte traumatische Erfahrungen zu bewältigen und zu überleben. Paradoxerweise werden genau diese Überlebensstrukturen im Erwachsenenalter zur Ursache einer anhaltenden Dysregulation des Nervensystems und bewirken Dissoziation, Identitätsverzerrungen und Probleme mit dem Selbstwertgefühl.

Die Persönlichkeitsstörung

Aufgrund der permanenten Bevormundung und Überfürsorglichkeit meiner Mütter (Mutter und Oma) habe ich eine Autonomie-Überlebensstruktur und eine passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung entwickelt. Um der Demütigung der dauernden Kontrolle zu entgehen und um mich nicht verlassen zu fühlen, habe ich eine gutmütige Fassade entwickelt, hinter der aber ein heimliches Ich entstand, was voller Wut und Aggression war. Meine klammheimliche Selbstbehauptung als Kind war: „Ihr habt meinen Körper, aber meine Seele bekommt ihr nicht.“ Ich bin also in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Liebe von den Eltern zu bekommen daran geknüpft ist, es ihnen recht zu machen. Die Liebe habe ich ausschließlich mit Pflichten, Belastungen und Unfreiheit in Verbindung gebracht. Liebe von anderen zu bekommen bedeutete in meinen Augen, nach fremder Pfeife tanzen zu müssen, also meine Autonomie, ja meine Identität aufgeben zu müssen.

Ich stand also vor dem Dilemma, entweder mich selbst aufzugeben oder keine Liebe zu bekommen. Die Anpassung an dieses Dilemma bedeutete, dass ich mir jede offene, direkte, authentische Kommunikation in Richtung Selbstausdruck verboten habe (Sie hätte mich nur noch mehr in Gefahr und in Liebesentzug gebracht) und mir eine gutmütige, brave und liebe Fassade zugelegt habe. Mein Glaubenssatz lautete: „Wenn ich meine wahren Gefühle zeige, dann werde ich gedemütigt.“ Ich war in einer aussichtslosen Zwickmühle: Da ich mich dauernd verstellen musste, konnte ich mich nie als derjenige geliebt fühlen, der ich wirklich war, denn die anderen Menschen reagierten ja nur positiv auf meine Anpassungsstrategie. So entwickelte ich immer mehr Misstrauen und die zynische Auffassung, niemand könne mich so lieben, wie ich bin.

Ich entwickelte eine klammheimliche Freude daran, die Erwartungen anderer zu enttäuschen und war Stolz darauf, was ich alles alleine tragen konnte. Die einzige Möglichkeit, meine Selbstachtung zu wahren, bestand darin, mich indirekt durchzusetzen – indem ich beispielsweise Anweisungen nicht genau ausführe. Das brachte mich natürlich in Konflikt mit meinen Vorgesetzten, sodass ich auf der Arbeit zunehmend Schwierigkeiten hatte und als jemand galt, der ein Autoritätsproblem hat. Auf der anderen Seite war ich von meiner Ambivalenz gelähmt, hatte Schuldgefühle bei jedem kleinen Fehler und fühlte mich in Gesellschaft aus Angst vor spontanem Selbstausdruck völlig gehemmt und gestresst. Bald kam ich zu der Überzeugung, dass ich meine Grenzen nicht offen verteidigen kann, weil dann nur die Kontrolle verschlimmert wird. Ich reagierte immer sensibler auf Grenzverletzungen, die andere Menschen überhaupt nicht nachvollziehen konnten und mied deshalb immer mehr soziale Kontakte: Ein Teufelskreislauf begann.

Die Therapie

Ich habe im Jahr 2010 eine Ausbildung zum Gestalttherapeuten begonnen, wo ich jede Menge wertvoller Selbsterfahrungen machen konnte. Ich merkte jedoch bald, dass ich noch etwas anderes brauchte, um mein Beziehungstrauma zu heilen. Ich war immer noch sehr gestresst in Beziehungen und seltsam übererregt in meinen Körperempfindungen. Zum Glück habe ich dann eine NARM-Traumatherapie begonnen (nach dem neuroaffektiven Beziehungsmodell), wo ich sehr schnell große Fortschritte erzielen konnte.

Eines der wichtigen Merkmale von NARM ist, dass es ressourcenorientiert, nicht-regressiv und nicht-kathartisch arbeitet. Im Fokus steht dabei die somatische Achtsamkeit. Es geht um das Wahrnehmen von Körperempfindungen und die Wiederherstellung des natürlichen Orientierungssinns, des Kampf- und Fluchtreflexes im Hier und Jetzt, der beim Trauma gestört wurde und so Energie blockieren und Störungen verursachen kann. Es geht aber auch um das achtsame Gewahrwerden der Organisationsprinzipien der adaptiven Überlebensstrukturen, um eine Entkoppelung dieser automatischen Glaubenssätze, Verhaltensmuster und verzerrten Identifizierungen zu ermöglichen.

Für gewöhnlich sitzen Therapeut und Klient sich gegenüber. Es können sich jedoch auch Situationen ergeben, in denen liegen, stehen oder Bewegung hilfreich ist. Die Basis ist der jetzige Augenblick, in dem sich alles zeigt und in dem sich Blockierungen lösen können, ohne zwangsläufig in die Ursprungssituation zurückgehen zu müssen. Mein Leben hat sich durch diese Methode sehr verändert und ich schätze an ihr, dass behutsam, langsam und sehr effektiv gearbeitet werden kann, ohne eigentlich was zu machen. Ich konnte durch meine Wahrnehmung und mein Spüren selbst herausfinden, welches Tempo und welche Richtung ich brauche.

Eine mögliche Re-Traumatisierung bei der Aufarbeitung wird vermieden, indem die eingefrorene Energie in kleinen Dosen aufgetaut wird und schrittweise zur Entladung kommt. Durch das Aufspüren und Wiederbeleben dieser biologischen, körperlichen Abwehrkräfte, entsteht aus dem traumabedingten Gefühl von Lähmung und Erstarrung ein Gefühl von Lebendigkeit und eine Eröffnung von neuen Möglichkeiten und Lebensfreude. Die tief verankerten Nachwirkungen von Trauma können sich schonend auflösen.

Und noch ein hartnäckiges Muster löste sich langsam auf: Als Klient mit einer Autonomie-Überlebensstruktur bin ich ja vordergründig bemüht, ein mustergültiger Klient zu sein. Ich stimme der Therapeutin brav in allem zu, nur um sie dann durch passiven Widerstand zu sabotieren. Hier bin ich zum Glück auf eine Therapeutin gestoßen, die mir keine zielorientierten Lösungen angeboten hat. Stattdessen unterstützte sie mich in meiner Selbstwahrnehmung, gleichzeitig sich widersprechende Gefühle wie Trauer und Wut, Liebe und Hass, Freude und Ekel in mir zu haben, und dass das völlig in Ordnung ist. Ein schöner Umschwung hin zu einer vertrauensvolleren Klient-Therapeutin Beziehung war der Moment, wo ich mich in meinem Bedürfnis nach Abgrenzung wahrgenommen fühlte.

Wo stehe ich heute?

Mein Dilemma der Autonomie-Überlebensstruktur löst sich langsam auf: Ich traue mich immer mehr, auch in meinen engsten Beziehungen ehrlich und direkt zu sein, aus einem Gefühl der sicheren Grenzen heraus Nähe zulassen zu können und langsam meine Fühler Richtung Partnerschaft auszustrecken. Ich habe sehr viel Mitgefühl und Sympathie für mich und meine Störungen entwickelt. Habe ich früher gedacht: »Immer wenn ich mich öffne, werde ich gedemütigt«, denke ich heute: „Nur eine Wunde, an die ich Luft lasse und die ich offen lege, kann geheilt werden.“

Ich bin durch diese Krisen durchgegangen, um auch anderen Menschen zu helfen, durch diese Krisen hindurchzugehen. Als angehender Gestalt- und Traumatherapeut möchte ich gerne Menschen helfen, ihre Überlebensstrategien aufzulösen, ihre Beziehungsfähigkeit und Selbstregulation zu stärken und ihre wahre Natur zu leben. Ich glaube, jeder Mensch ist von Natur aus gut und kann mit seinem Potential dazu beitragen, die Probleme der Menschheit zu lösen.

Von Oliver Bartsch


Literatur:
Laurence Heller, Aline Lapierre: Entwicklungstrauma heilen, 432 S., Kösel 2013
Rainer Sachse: Persönlichkeitsstörungen verstehen, 119 S., Psychiatrie Verlag 2010
Karl-Heinz Brisch: Bindungsstörungen,  387 S., Klett-Cotta 1999

Oliver Bartsch, Jahrg. 61, Online-Redakteur, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin und Postwachstumsökologie, Gestalttherapeut im Praxis- und Supervisionsjahr

www.oliver-bartsch.de

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  3 Kommentare für “Ich habe ein Beziehungstrauma – Oliver Bartsch

  1. Reinhard
    19. Juli 2014 um 21:01

    …gute Beschreibung einer psychsozialen Störung und ihrer möglichen Ursachen.
    So wichtig wie therapeutische Hilfen sind politische Entscheidungen um eine gesellschaftliche Fehlentwicklung zu korrigieren.
    Krippenplätze für unter Dreijährige sind genau der falsche Ansatz um den von Dir beschriebenen Entbehrungen zu begegnen.
    Leider ist zur Zeit kein Kraut gegen den Zeitgeist der Ökonomisierung aller Lebensbereiche gewachsen und Warner sind Rufer in der emotionalen Wüste.

    • Kirsten
      22. Juli 2014 um 13:17

      Das unterstellt, dass alle Eltern in der Lage sind, ihre Kinder adäquat zu umsorgen. Krippenplätze können gerade Kindern aus prekären Elternhäusern eine Möglichkeit bieten, trotz widriger Umstände eine Resilienz zu entwickeln. Nicht Krippenplätze sind das Problem, sondern der Mangel an fachlich qualifiziertem Personal.

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