3 katholische Mystikerinnen: Hildegart, Mechthild und Teresa

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Ja, Mystik spielt auch in der katholischen Kirche eine wichtige Rolle. Hier werden die drei sicherlich bekanntesten Mystikerinnen vorgestellt – alles mutige, beseelte Frauen, die an die innere Verbundenheit mit Gott und dem Sein erinnerten und erinnern: Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg und Teresa von Avila

von Christian Salvesen & Dr. Rosmarie Tscheer

 

1.Hildegard von Bingen (198-1179)

Äbtissin, Mystikerin, Rebellin, Heilkundlerin, Autorin theoretischer und poetischer Texte, Künstlerin und Komponistin. Ihr Werk erscheint unerschöpflich und überzeitlich. In den letzten Jahren finden ihre Schriften und musikalischen Kompositionen eine Beachtung wie wohl nie zuvor. Vielleicht bedurfte es dieser Zeitspanne von 800 Jahren, um zu einem besseren und angemessenen Verständnis zu gelangen. Ihre Musik zumindest entsprach, auch wenn sie für unsere Ohren heute „mittelalterlich“ klingt, keinesfalls den Kunstregeln und dem Geschmack ihrer Zeit. Andererseits war ihr Jahrhundert durchaus aufgeschlossen für neue Gedanken und künstlerische Ausdrucksformen, es war die Geburt der Gotik. Selbst Papst Eugenius III. las Hildegards „Scivias“ (Erkenne die Wege), in denen sie ihre Visionen beschreibt, den versammelten Bischöfen vor und unterstützte die mutige und nicht unbedingt „linientreue“ Äbtissin. Sie schreibt: „Im Alter von 42 Jahren und sieben Monaten strömte ein brennendes Licht von ungeheurer Helligkeit aus dem Himmel in meinen gesamten Geist, wie eine Flamme, die nicht verbrennt, sondern entflammt. Es entflammte mein ganzes Herz und meine Brust, wie die Sonne, die einen Gegenstand mit ihren Strahlen erwärmt. Auf einmal konnte ich die Bedeutung der Bücher – den Psalmen und der Evangelien – schmecken.“

Für ihre Nonnen komponiert Hildegard von Bingen 77 liturgische Gesänge, deren Tonumfang, Intervalle und melodischer Verlauf den Rahmen der damals bekannten Musik sprengen. Ihren Liederzyklus faßt Hildegard als „Symphonie der Harmonie der Himmlischen Offenbarungen“ zusammen. Der Begriff „symphonia“ bezieht sich dabei nicht nur auf den musikalischen, sondern auch auf den seelischen Zusammenklang im Menschen und auf die Harmonie von Himmel und Erde. Die Äbtissin betont, daß sie keine musikalische Ausbildung habe. Sie empfange ihre Lieder vielmehr in göttlicher Eingebung. Ihre Schwestern sehen sie manchmal stundenlang singend umherwandeln, ganz versunken in ein inneres Lauschen, wobei ein unbeschreibliches Leuchten ihr Haupt umstrahle. Diese nach innen gekehrte, meditative Seite wird von einer engagierten, aktiven Seite ergänzt. Als Predigerin reist Hildegard per Pferd und Schiff durch ganz Europa, mahnt und berät Könige und Kaiser, Bischöfe und Päpste, kritisiert Kreuzzüge und Judenverfolgung, baut weitere Klöster, heilt Menschen seelisch und körperlich.

Hildegard wird schon zu Lebzeiten als Heilige verehrt, obwohl ihre Heilmethoden sie eigentlich als Hexe ausweisen. Die „Hildegard-Medizin“ ist in der gegenwärtigen Auseinandersetzung zwischen Schul-und ganzheitlicher Alternativmedizin wieder aktuell. Die Faszination, die Hildegard gerade auf Frauen in unserer Zeit ausübt, läßt sich jedoch nicht mit dem Vexierbild „Heilige/Hexe“ erklären. Dahinter wirkt wohl eher die unbedingte Kraft einer Frau, die sich nicht über den Mann oder irgendetwas außerhalb ihrer selbst definiert, sondern ihre wahre, innere Natur erkannt hat.

„O Weib, du Schwester der Weisheit (Sophia),
wie herrlich bist du!
In dir erstand das überstarke Leben,
das nimmermehr vom Tod erstickt wird.“

„Hildegards Selbstbewußtsein als Frau unter Frauen wird in ihren Liedtexten deutlich. Ein Großteil der 77 Gesänge bezieht sich anerkennend auf Frauen: 16 auf die Jungfrau Maria, 13 auf die Heilige Ursula. Frauen spielen in Hildegards Version der Heilsgeschichte eine aktive Rolle. Dadurch regte sie viele Frauen dazu an, sich ihrer Macht in der materiellen Welt bewußt zu werden und diese Macht auszuüben. Nur als Mitglied einer religiösen Gemeinschaft von Frauen konnte Hildegard ihre wissenschaftlichen, künstlerischen und theologischen Werke erschaffen.“ (J. Michele Edwards: ‘Women & Music’)

 

2. Teresa von Avila (1514-1582)

„Bete nicht um leichtere Last, sondern um einen stärkeren Rücken!“

Sie schuf einen neuen Orden und eine neue, freundschaftliche Art zu beten. Die heilig gesprochene Mystikerin Teresa de Jesús ist auch heute noch aktuell

Das Jubiläumsjahr begann offiziell im Oktober 2014 und endete im Oktober 2015 (u.a. mit einer Festmesse in der Karmelitenkirche in Wien). Die teresianischen Karmeliter und Karmelitinnen zelebrieren das 500. Geburtsjahr ihrer Ordensbegründerin mit Festgottesdiensten, Vorträgen, Symposien und gemeinsamen Gebeten. Die katholische Kirche insgesamt verehrt Teresa de Jesús – mit diesem Namen unterschrieb sie ihre Briefe. 1614 wurde sie von Papst Paul V. seliggesprochen, 1617 zur Schutzpatronin von Spanien ernannt und 1622 heiliggesprochen. 1970 erhob Paul VI. Teresa als erste Frau in der Geschichte der Kirche zur Kirchenlehrerin. Ihr liturgischer Festtag ist der 15. Oktober. Die Evangelische Kirche zählt sie ebenfalls zu den bedeutendsten Mystikerinnen. Ihre Methode des inneren Gebets sowie die präzise und praktische Beschreibung des Weges der Versenkung und Vereinigung mit Gott machen Teresa über alle Konfessionen hinaus für uns heute aktuell – zumindest für Menschen, die inneren Frieden finden wollen.

Lebensstationen und Werke

Teresa Sanchez de Cepeda y Ahumada, so ihr eigentlicher Name, wurde als sechstes von zwölf Kindern in eine adlige Familie geboren, die als „conversos“ (Bekehrte), als zu Christen gewordene Juden unter der Beobachtung der Inquisition stand. Teresa durchlitt mehrmals seelische und körperliche Krisen. Mit 21 Jahren trat sie in den Karmel in Avila ein, in dem zu dieser Zeit 140 Schwestern lebten. Bald darauf wurde Teresa so krank, dass sie in ein mehrtägiges Koma fiel und bereits für tot gehalten wurde. Etwa drei Jahre lang blieb sie gelähmt. 1554 erfuhr Teresa in der Betrachtung des leidenden Christus ihre „endgültige Bekehrung“. In radikaler Selbstaufgabe wollte sie künftig nur noch in Christus leben. Gegen viele Widerstände erhielt sie 1562 von Papst Pius IV. und dem Ortsbischof die Erlaubnis, in Avila ein eigenes Kloster, das der Unbeschuhten Karmelitinnen, zu gründen, in dem die ursprüngliche Ordensregel wieder befolgt werden sollte. Zugleich legte Teresa fest, dass in einem Karmel nicht mehr als 21 Schwestern leben sollten. Danach begann sie, ihre Reformpläne trotz aller Widerstände und Strapazen zu verwirklichen. Sie regte über Johannes vom Kreuz, mit dem sie seit Anfang Oktober 1567 zusammenarbeitete, die Reform des Männerordens der Karmeliter an und reformierte als Priorin mit Johannes als Beichtvater auch ihr Mutterkloster 1571–1573. Bis zu ihrem Tod am 4. Oktober 1582 gründete sie 17 Reformklöster. (Quelle u.a.: http://de.radiovaticana.va/)

Teresa verfasste etliche Schriften, die zum Teil auf ihren Unterweisungen der Ordensschwestern basieren. Sie befassen sich zum Teil mit Klosterreformen und Gründungen, zum großen Teil mit dem mystischen Weg der Vereinigung mit Gott. Ihre Werke wurden erstmals 1588 von Luis de Leòn in Salamanca gedruckt. In ihrer Autobiografie („vida“) schildert sie offenherzig, auch selbstkritisch und mit einem feinen Sinn für Humor ihre Erfahrungen und Gefühle. Viele Jahre litt sie unter der inneren Zerrissenheit zwischen weltlichen Anforderungen und ihrem tiefsten Wunsch, zurückgezogen zu leben und sich ganz Gott und Christus hinzugeben. Hier sowie im „Weg der Vollkommenheit“ von 1566 und vor allem in ihrem wohl berühmtesten Werk über die „Innere Burg“ (1577) entfaltet sie ihre Lehre vom inneren Gebet.

Die Innere Burg
Die sieben Gemächer der kristallenen Buch stellen Stationen oder Stufen auf dem Weg des inneren Gebets hin zur Auflösung in Gott dar. Der erste Schritt ist, nicht mehr außerhalb der Burg herumzuirren, sondern sich der Pforte zur Burg zu zuwenden. Die Pforte ist bereits Andacht und Gebet. Bis zur dritten Kammer oder Ebene muss sich der Mensch durch eigene Kraft, Disziplin und Hingabe auf Gott zu bewegen. Ab der vierten Kammer kann er nur noch loslassen. Alle weiteren Stufen der Vereinigung liegen in Gottes Hand und geschehen aus göttlicher Gnade. Von der ersten Kammer an, die noch sehr dunkel und „voller böser Wesen“ scheint ist die Selbsterkenntnis für Teresa das zentrale Instrument:

„Denn so hoch die Seele auch stehen mag nie wird etwas anderes die Selbsterkenntnis ersetzen können, ob man dies will oder nicht. …es ist eine so wichtige Sache, dieses Erkennen unseres eigenen Ichs, dass ich wünschte, ihr möchtet niemals darin ermatten, so hoch ihr auch in den Himmel emporgestiegen sein möget.“

Wer trotz der zu erwartenden Rückschläge auf dem Weg bleibt, der erfährt zunehmend innere Bestätigung: „Da die Seele die Wonnen Gottes gekostet hat, erkennt sie, dass die Freuden der Welt nur Kehricht sind. Mehr und mehr entzieht sie sich diesen und erlangt eine immer stärkere Herrschaft über sich selbst, die sie dazu befähigt.

Teresa heute
Einerseits setzte ihre Ordensreform wieder verstärkt auf Buße, Demut und Weltabkehr, andererseits sieht sie in Gott das Prinzip der Liebe. In der katholischen Kirche gilt Teresa als aktuelle und vorbildliche Lehrmeisterin des Betens. In Avila findet ihr zu Ehren vom 5.-9. August ein Europäisches Jugendtreffen statt. Ihre Spiritualität ist zwar weltabgewandt, jedoch nicht körperfeindlich. „Tu deinem Leib des Öfteren etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.“

Das Besondere und seinerzeit Radikale an ihrer Art zu beten war, nicht den vorgegebenen Gebetsformeln zu folgen, wie es in den Klöstern und Kirchen üblich war, sondern den eigenen inneren Ton zu finden, der auf Vertrauen und Freundschaft beruht. In diesem Sinne sagt Ulrich Dobhan, Übersetzer und Herausgeber von Teresas Werken sowie Deutscher Karmeliten-Provinzial OCD (in einem Interview in der Wiener Kirchenzeitung): „Teresas inneres Beten ist keine „Meditationsmethode“, die man erlernen kann, sondern im wahrsten Sinn des Wortes eine echte Freundschaft. Was für diese gilt, gilt auch für jenes.“
(Dobhan bestätigt Teresas feministische Gesinnung, die darin bestehe, dass sie sich selbst als Frau ganz angenommen und zugleich kritisch gegenüber selbstherrliche, ignorante männliche Autoritäten geäußert habe. Am wichtigsten sei aber für sie die Gewissheit gewesen, von Jesus ganz angenommen zu sein: „Du, Herr meiner Seele, dir hat vor den Frauen nicht gegraut, als du durch diese Welt zogst, im Gegenteil, du hast sie immer mit großem Mitgefühl bevorzugt, und hast bei ihnen genauso viel Liebe und mehr Glauben gefunden als bei den Männern“ (Weg [CE] 4,1).
Die zeitlose und damit stets aktuelle Botschaft ist die, dass Gott Liebe ist. „Ich sah, dass er zwar Gott, aber auch Mensch war, der sich über die Schwächen der Menschen nicht entsetzt, sondern Verständnis hat für unsere armselige Lage […]. Ich kann mit ihm umgehen wie mit einem Freund, obwohl er doch Herr ist. Denn ich erkenne, dass er nicht ist wie die, die wir hier als Herren haben, die ihr ganzes Herr-Sein auf „Autoritätsprothesen“ gründen.“))

 

3. Mechthild von Magdeburg (1207-1282)

Sie gilt neben Hildegard von Bingen als bedeutendste deutsche Mystikerin des Mittelalters. Das Bistum Magdeburg feiert ab September 2007 das „Mechthild-Jahr“. Wer war Mechthild? Was schrieb sie? Was bietet das „Mechthild-Jahr“?

I. Mechthilds Leben und Wirken

Die Begine
Mechthild ist 1207 oder 1210 in der Diözese Magdeburg als Kind wohlhabender, adeliger Eltern geboren worden und hat sich offenbar eine gute höfische Bildung angeeignet. Einerseits mag das Armutsideal der Franziskaner, andererseits aber auch ihr eigenes Streben nach Vollkommenheit und gelebter Nachfolge Christi sie dazu bewogen haben, um 1230 das Elternhaus zu verlassen und sich in einen Magdeburger Beginenhof zu begeben. Dort führt sie während dreißig Jahren ein strenges geistliches Leben gemäß den evangelischen Räten: Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam.
Entsprechend dem damaligen Frömmigkeitsverständnis unterwirft sie ihren Körper harten Bußübungen, um den Weg der inneren Läuterung zu gehen und die Einformung des eigenen Willens in den Willen Gottes zu erlangen. Mechthild erachtet es aber auch als ihren Auftrag, aktiv am Leben und Geschehen der Kirche teilzunehmen. Wie viele Beginen, deren Namensherkunft im übrigen unklar ist und die sich gegen Ende des 12. Jh. vor allem in den Niederlanden, den angrenzenden rheinischen Gebieten und Nordfrankreich gruppieren, betreibt sie eifrig Bibellektüre, kümmert sich um arme Kinder, unterrichtet, steht kranken und alten Menschen bei.
Solchermaßen übt sie ein tätiges Christentum. Daneben pflegt sie Kontakt mit Mitgliedern des Dominikanerklosters von Halle, wo ihr jüngerer Bruder Balduin ein Ordensstudium absolviert und eintritt. Sie lässt sich von Ordensleuten dieses Klosters beraten und genießt wahrscheinlich auch ihren Schutz, was ihr sehr zustatten kommt, hält sie doch mit ihrer Kritik an Geistlichen nicht zurück. So schreibt sie an einer Stelle, dass Gott die Domherren Böcke nenne, und in der Vorrede ihres bedeutenden Werkes „Das fliessende Licht der Gottheit“ lesen wir: „Dieses Buch sende ich nun als Boten allen geistlichen Leuten, die die Säulen der Kirche sind, den guten wie den schlechten; denn, wenn die Säulen fallen, dann kann das Gebäude nicht überdauern.“ Sie verfügt über ein erstaunliches Sendungsbewusstsein, sagt sie doch, dass dieses Buch allein von ihr künde und ihr Geheimnis offenbare, um Gott zu verherrlichen, wobei alle, die es verstehen wollen, es neunmal lesen sollen.

Die Mystikerin
Mechthild von Magdeburg schenkt uns eine unerschöpfliche Glaubens- und Lebenslehre, da wir bei ihr eine Einheit des Denkens, Fühlens und praktischen Lebensvollzugs feststellen. Wir erahnen ihre persönliche Liebesbeziehung zu Gott, nehmen jedoch auch den Zusammenklang mit dem heilsgeschichtlich-kosmologischen Geschehen wahr: Aufschwung und Niedersinken der Seele entsprechen dem Fliessen der Gottheit. Es veranschaulicht Gottes überströmende Liebe, die sich im Schöpfungswerk, ganz besonders in Christi Menschwerdung, aber auch in seiner Höllenfahrt manifestiert. Trotz Kirchenkritik und Höllenvisionen steht die göttliche Liebe als Ursprung und Ziel aller menschlichen Liebe im Mittelpunkt. Wir erkennen die Dynamik einer Liebe, die sich nicht nur im Aufstieg und in der mystischen Vereinigung mit dem Geliebten bewährt, sondern auch im «Entsinken» aus Gehorsam gegenüber Gottes Willen.
Diese Dynamik der Bewegung, das Fließende, Strömende von Licht, Feuer, Wasser als Ausdruckskraft der göttlichen Liebesgaben ist fortwährend spürbar, sowohl in der mit unseren Sinnen wahrnehmbaren Welt als auch im Denken und in der allein dem suchenden Geist zugänglichen, übersinnlichen Welt. Daher die Metaphorik von Wasser und Wein, höfischer Liebesbeziehung von Braut und Bräutigam, die Bilder von Berg, Licht, Feuer, die beinahe unerschöpflich anmuten.

Als überzeitliche Metapher verwendet sie in ihrer mystischen Sprache die Vision von Gott als «Berg», während sie an anderen Stellen den Bräutigam einen „giessende“, „fliessenden“, „brennenden“, „verschmelzenden“ Gott nennt. Häufig gehen mystischer Erfahrungsbericht und theologisch-ethische Reflexion ineinander über. In kühnen Strichen entwirft sie mit wunderschönen Bildern ihr Gottesbild, zeigt uns einen Gott und Schöpfer, den sie ernst nimmt und dem sie existentielle Fragen stellt.

Die letzten Jahre
Zwischen 1250 und 1259 entstehen die Bücher I-V, von 1260 bis 1270/71 Buch VI, wobei wir nicht wissen, wie groß der Einfluss ihres Beichtvaters Heinrich von Halle war, der die Aufzeichnungen redigiert, möglicherweise auch da und dort «korrigiert» und die Reihenfolge der Bücher nach eigenem Gutdünken bestimmt. Allerdings bringt dieser Dominikaner ihr Werk an die Öffentlichkeit. Zudem vergleicht er Mechthild mit den Prophetinnen Deborah aus dem Buch der Richter (IV, 4-5) und Olda aus dem 2. Buch der Könige (XXII, 14-20), die beide vom Heiligen Geist über die Geschichte Israels und die Gerichte Gottes belehrt werden.

Obwohl sie in Heinrich von Halle einen Verbündeten hat, erlebt sie zwischen 1260 und 1270 Anfeindungen gegen ihre Person und ihr Werk. Es mag damit und mit der zunehmend bedrohlichen Lage der Beginen zusammenhängen, die mit ihrer Mobilität – sie waren ja keiner Oberin unterstellt – ihren mannigfachen Aktivitäten und vielleicht auch mit ihrer Gelehrsamkeit vielen Geistlichen ein Dorn im Auge waren, dass sie sich 1270 ins Kloster Helfta bei Eisleben zurückzieht. Hier befinden sich zu der Zeit auch die beiden ebenfalls schreibenden Zisterzienserinnen Mechthild von Hackeborn (12411299), Autorin der „Visionen und Offenbarungen“, und Gertrud die Grosse (12561302), Verfasserin des „Legatus divinae pietatis“ („Gesandter der göttlichen Liebe“). Mechthild von Magdeburg stirbt hier 1282.

Selbst wenn wir vermuten, dass Hildegard von Bingen, Dionysius Areopagita, Bonaventura in ihrem Werk Spuren hinterlassen haben und sie von Augustinus und Bernhard von Clairvaux geprägt worden ist, bedeutet dies für uns keine Beeinträchtigung ihrer Begabung und Künstlerschaft. Vielmehr zählen wir Mechthild von Magdeburg den großen Gottsuchern und Kündern der Gottesliebe zu, die nach ihrer Anschauung das ganze Universum in Gang hält, diese unversiegliche, schöpferische Kraft, die dieses unaufhaltsame „Fließen“ und „Überfließen“ bewirkt.

 

II. Aus dem Werk

Mechthilds in sieben Büchern erschienenes Hauptwerk „Das fließende Licht der Gottheit“ (FLG) gilt als erstes Zeugnis der Mystik in deutscher Sprache. Wie durch ein Wunder wurde es über eine alemannische Übersetzung erhalten, im 19. Jahrhundert und in der amerikanischen Frauenbewegung des 20. Jahrhundert wieder entdeckt. Im Prolog offenbart kein geringerer als Gott selbst den Namen des Buches: „Es soll heißen: Das Licht meiner Gottheit, fließend in alle Herzen, die da leben ohne Arg.“ Es folgen einige Auszüge.

Wie Gott in die Seele kommt
Ich komm zu meinem Lieb wie der Tau auf die Blume.
Wie die Seele Gott empfängt und lobt Eia, selige Schau!
Eia, inniger Gruß! Eia, süße Umarmung!
Herr, Dein Wunder hat mich verwundet!
Deine Gnade hat mich erdrückt!
Du hoher Felsen,
Du bist so herrlich durchgraben.
In Dir kann niemand wohnen
denn Taube und Nachtigall. (FLG I, 14.)
Gott vergleicht die Seele vier Dingen
Du schmeckst wie eine Weintraube,
du duftest wie ein Balsam, du leuchtest wie die Sonne,
du bist ein Wachstum meiner höchsten Minne.

 

Die Braut
Die Braut ward trunken beim Anblick des edlen Antlitzes.
In der größten Stärke kommt sie sich selbst abhanden.
Im schönsten Licht ist sie blind in sich selbst.
In der größten Blindheit sieht sie am allerklarsten.
In der größten Klarheit ist sie beides, tot und lebendig.
Je länger sie tot ist, umso seliger lebt sie.
Je seliger sie lebt, umso mehr erfährt sie.
Je geringer sie wird, umso mehr fließt ihr zu.
Je reicher sie wird, umso bedürftiger wird sie.
Je tiefer sie (in Gott) wohnt, umso aufnahmefähiger wird sie.
(Je mehr sie begehrt), umso verlangender wird sie.
Je tiefer ihre Wunden werden, umso heftiger stürmt sie.
Je zärtlicher Gott gegen sie ist, umso höher wird sie entrückt.
Je schöner sie vom Anblick Gottes aufleuchtet, umso näher kommt sie ihm.
Je mehr sie sich müht, umso sanfter ruht sie.
(Je mehr sie empfängt), umso mehr erfaßt sie.
je stiller sie schweigt, umso lauter ruft sie.
(Je schwächer sie wird), umso größere Wunder wirkt sie mit seiner Kraft nach ihrer Macht
Je mehr seine Lust wächst, umso schöner wird ihre Hochzeit.
Je enger das Minnebett wird, umso inniger wird die Umarmung.
Je süßer das Mundküssen, umso inniger das Anschauen.
Je schmerzlicher sie scheiden, umso reichlicher gewährt er ihr.
Je mehr sie verzehrt, um so mehr hat sie.
Je demütiger sie Abschied nimmt, um so eher kommt er wieder.
Je heißer sie bleibt, umso rascher schlägt sie Funken.
Je mehr sie brennt, umso schöner leuchtet sie.
Je mehr sich Gottes Lob verbreitet, umso größer bleibt ihr Verlangen.

 

Über Christian Salvesen:

Er ist Autor, Künstler und Kenner der spirituellen Szene. 1951 in Celle geboren, Magister der Philosophie und Musikwissenschaften, Komponist und Musiker, arbeitet seit über 20 Jahren als Journalist/Redakteur und hat etliche Bücher veröffentlicht, darunter „Advaita“ und „Liebe – Herz aller Weltreligionen“. In den 80ger Jahren leitete er in eigenen, erfolgreichen Rundfunksendungen beim WDR und NDR zur Meditation und zum Bewussten Hören an. Er lebt mit seiner kanadischen Ehefrau in der Nähe von München. Alles weitere erfahren Sie auf www.christian-salvesen.de

 

Über Dr. Rosmarie Tscheer:

Sei ist Romanistin, Übersetzerin, Lyrikerin, Buchautorin und Referentin. Erstmals wurde ihr Text in der Schweizerischen Kirchenzeitung 1998 veröffentlicht.

 

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