„Requiem“ – Filmbesprechung und Essay von Ulla Geiger

„Requiem“ stellt den wahren Fall von Exorzismus der Anneliese Michel aus Klingenberg am Main in den 70er Jahren nach. Handlung: Um als Epilepsie diagnostizierte Anfälle im Griff zu halten, steht Michaela Klingler (Sandra Hüller) unter ständiger medikamentöser Behandlung. Sie ist 21 und möchte das Elternhaus verlassen, um zu studieren. Dazu muss sie sich gegen die Mutter (Imogen Kogge) durchsetzen, die ihr ein Studium fern des Elternhauses mit der Krankheit nicht zutraut. Vom Vater (Burghart Klaußner) wird sie hingegen – auch in der Folge immer wieder – unterstützt. Michaela und ihre Eltern, besonders die –  gegen die Tochter extrem restriktive – Mutter, sind streng katholisch.

Beim Studium lebt Michaela auf und tut mehr und mehr (von der Mutter) „Verbotenes“: Eine neue Freundin (Anna Blomeier), die nicht an Gott glaubt – Discobesuche – eine Liebe zu einem Studienkollegen (Nicholas Reinke) – modernere Kleidung. Es häufen sich „Anfälle“, in denen sie den Rosenkranz (ein Geschenk der Mutter) oder das Kreuz an der Wand ihres Studentenzimmers nicht mehr anfassen kann. Danach fällt sie in einen ohnmachtsähnlichen Dämmerzustand, in dem sie oft von der Freundin gefunden wird. Diese meint, sie solle zu einem Psychiater gehen. Michaela ist aber überzeugt davon, nicht psychisch krank, sondern vom Teufel besessen zu sein.

Immer wieder zu Besuch im Elternhaus, muss sie ihren neuen Freund verheimlichen. Die Mutter zeigt sich Zärtlichkeiten und unterstützender Zuwendung abgeneigt. Sie wirft Michaelas neue Kleidung in den Müll. Danach kommt es im Elternhaus zu erneuten Anfällen, in denen Michaela sich schreiend gegen das Beten mit einem Pfarrer wehrt, den Eltern die Zunge herausstreckt und das Geschirr der Mutter zerschlägt. Die Mutter sieht die Besessenheit der Tochter bestätigt, da ja alle Behandlungen mit Tabletten nichts bewirkt hatten.

Der Pfarrer beginnt Exorzismen vorzubereiten. Zwischen den Anfällen entschuldigt sich Michaela bei der Mutter für die viele Mühe, die sie macht. Es kommt zu einem – wohl letzten – Spaziergang mit der Freundin, die zu ihr sagt: „Es ist nichts in dir! Das bist nur du!“ Michaela ist anderer Überzeugung und sich sicher, dass ihr nur der Teufel ausgetrieben werden muss. Gleich ihrem Leitbild, der hl. Katharina, steht sie ihr Leiden tapfer durch, indem sie sich von Gott auserwählt fühlt.

Der Film endet mit Michaelas Zustimmung zum Exorzismus. Im letzten Bild sieht man sie während der Rückfahrt vom Spaziergang zum Elternhaus. Sie sitzt auf dem Beifahrersitz und hört – mit sich im Frieden – den Musiktitel, zu dem sie gegen Anfang des Films nach ihrem ersten Kuss in einer Studentendisco ekstatisch und sich selbst befreiend getanzt hat. (Deep Purple „Anthem“). Danach erscheint eine Schrift auf Schwarz: Nach mehreren Dutzend Exorzismen stirbt Michaela Klingler an Entkräftung im Haus ihrer Eltern.


Mein Feedback

Requiem ist ein hervorragend, in unaufdringlichem Stil gemachter Film und kommt ohne reißerische Effekte aus. Er rollt den Fall fast dokumentarisch auf. Szenische Umsetzung, Kamera, Schnitt und Musik sind zurückhaltend und dem Inhalt dienend eingesetzt. Der Zuschauer hat den Raum, seine eigene Haltung zu finden, so wie das auch die diversen handelnden Personen tun. Die 70er Jahre sind erstaunlich autentisch in Ausstattung, Kostüm und Maske wiederbelebt. Der Cast ist herausragend, allen voran die grandiose Hauptdarstellerin Sandra Hüller, die nicht einen Moment dem Zweifel Raum gibt, dass sie das tatsächlich gerade alles erlebt.

Mich persönlich hat der Film nachhaltig beeindruckt und meine Sicht auf das Phänomen Exorzismus wie folgt geklärt: Die Existenz eines Teufels, des personifizierten Bösen, ist Sichtweise einiger Religionen und religiöser Gruppierungen. Teufelsbesessenheit und Exorzismus sind Produkte dieses Glaubens. Ähnliche psychische Phänomene werden in einem anderen Umfeld anders kategorisiert.

Im streng gläubigen Familiensystem Klingler ist die eigentlich gesunde Wut Michaelas gegen die Mutter und alles Religiöse nur dann erlaubt, wenn sie vom Teufel und nicht von ihr selbst kommt. So droht ihr keine Strafe. Mit der Stimme des Teufels darf das innere Kind Michaelas schreien und spucken, den Priester ohrfeigen und zur Mutter sagen: „Du dreckige Lügnerin, lass mich in Ruhe!“ Dann sagen Mutter und Priester: „Das bist nicht du, Michaela!“ Und dann ist doch irgendwie alles in Ordnung: Die Wut hat ein erlaubtes Ventil UND es gibt eine mögliche Lösung. Man muss nur den Teufel austreiben!

Wie die Wut wird auch die Selbstbestrafung für die eigene „Bosheit“ ausgelagert: Sie ist Bestrafung Gottes mit der Besessenheit. Der Priester sagt im Film zu Michaela: „Gott straft nicht!“ Hilflos übergibt er sie dann aber doch einem Kollegen und dem Exorzismus. Nein, Gott straft nicht, aber in manchen Religionen wird er als strafend gesehen, also benutzt, um die eigene schmerzhafte Wahrheit nicht anschaun zu müssen.

Michaela stirbt an Erschöpfung, weil die Exorzismen keine Lösung sind. Dem inneren Kind einen Platz geben, wäre vielleicht eine gewesen.

In diesem Sinne gibt es keinen Teufel, sondern nur VERteufelung! Und alle Schattenseiten, die man nicht annehmen will, kann man doch wunderbar diesem erfundenen Wesen in die Schuhe schieben!

Autorin: Ulla Geiger (Schauspielerin und Autorin)
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Regisseur und Produzent: Hans-Christian Schmid, Autor: Bernd Lange
Der Film gewann 2006 den Deutschen Filmpreis in Silber in der Kategorie „Bester Film“

Die DVD ist bei Warner Home Video erhältlich

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