Es geht auch anders – Manuel Lehmann

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Bankencrash, Eurokrise – es ist, als würde uns der Teppich unter den Füssen weggezogen. Mit der Occupy-Bewegung wächst Widerstand gegen unser Geldsystem, und es zeigen sich Alternativen.

Von Manuel Lehmann

Im Club des Schweizer Fernsehen sassen am 25. Oktober 2011 zwei junge Aktivisten von Occupy, ein Nationalrat der Grünen, ein Bankrat und Politiker, ein Banker sowie ein Dozent einer Wirtschaftsuni in der Runde. Die eine Seite etwa doppelt so alt wie die anderen mit Anzügen und Krawatten und dem Habitus der Fachpersonen. Die anderen sympathisch, gut aussehend und auf ihren Standpunkten beharrend. Wem hätten Sie geglaubt? Und wem haben die meisten TV-Zuschauerinnen und -Zuschauer geglaubt? Wer hat aktuell die Deutungshoheit über unser Finanz- und Geldsystem? Und selbst wenn die Sympathien eher auf der Seite der jungen Aktivisten waren, fragt sich, ob deren Warnung angekommen ist, dass bei unserem Geldsystem Krisen unausweichlich sind und auch ein grosser Crash wahrscheinlich ist.

2008, zu Beginn der Krise, empörten sich zuerst einmal alle über die Gier der Banker. Seit einigen Monaten, seit dem Aufkommen der Occupy-Bewegung, wird aber zusehends in den Leitmedien der Kapitalismus und unser Finanzsystem generell hinterfragt. Sich Fragen zu stellen, wie unser Geld funktioniert, wo die Fehler im System liegen und was die Folgen für jeden Einzelnen von uns bedeuten könnten, ist mit einem grossen Tabu behaftet. Wir wissen daher wenig über die Materie Geld, die wir täglich brauchen und mit der wir neben Miete, Essen und Krankenkasse auch nahezu sämtlichen Dienstleistungen im Bereich von Spiritualität und Esoterik begleichen. Die wesentliche Funktionsweise des Geldes wird und wurde in den letzten Jahrzehnten nicht einmal an den entsprechenden Fachhochschulen gelehrt. So haben Volkswirtschaftsstudenten in jüngster Zeit aus eigener Initiative begonnen,  Ringvorlesungen zu organisieren, um die Gründe für die aktuelle Krise zu verstehen.


Wie entsteht unser Geld?

«Würden die Menschen verstehen, wie unser Geldsystem funktioniert, hätten wir eine Revolution – und zwar schon morgen früh.» (Henry Ford, 1863–1947)

Wir haben gelernt und es wird tagtäglich wieder von Neuem erzählt, dass für die Geldschöpfung der Staat respektive die Nationalbanken zuständig sind. In unserer Verfassung steht (Artikel 99): «Das Geld- und Währungswesen ist Sache des Bundes; diesem allein steht das Recht zur Ausgabe von Münzen und Banknoten zu.» Wir alle wissen aber, dass materiell greifbares Geld an Bedeutung verloren hat. Wir zahlen im Laden per Karte, und unsere Rechnungen begleichen wir per E-Banking. Wir wirtschaften also mit virtuellem Geld, das wir aber irgendwann in echt verdienen müssen oder verdienen werden müssen.
Wo aber kommt es her, unser Geld? Rund 90 Prozent davon werden heutzutage von den Privatbanken durch Kreditvergabe hergestellt. Europäische Banken brauchen dafür bloss eine gesetzliche Mindestreserve von einem Prozent (EU) bis zu 2,5 Prozent (Schweiz) bei der Zentralbank zu hinterlegen. Eine Bindung an Gold oder an einen anderen realen Wert gibt es nicht mehr.

So entsteht heute Geld aus dem Nichts als «Fiat-Money», und es kommt zu einem krassen Missverhältnis: Mit  Finanztransaktionen wird tagtäglich rund 70 Mal mehr Geld umgesetzt als in der realen Wirtschaft, die mit Dienstleistungen und Gütern handelt. Dadurch treibt die Finanzwirtschaft die reale Wirtschaft vor sich her und übt einen enormen Druck auf diese aus, hohe Gewinne zu erzielen.

Wie im Blog von Zeitpunkt-Herausgeber Christoph Pfluger nachgelesen werden kann, sind sich nicht einmal unsere Politikerinnen und Politiker verschiedenster Couleur dieser einfach überprüfbaren Tatsache bewusst. Die meisten glauben, die Geldschöpfung geschehe einzig durch die Nationalbank, oder es werde das Geld der Sparer verliehen. Als einzige Ausnahme wussten Vertreter der Grünen besser Bescheid. Ist es also in Ordnung, nichts von alldem zu wissen, da auch unsere Politiker von Geld und Geldschöpfung keine Ahnung haben? Oder müssten wir uns umso mehr Sorgen machen, da Staat und Politik die Kontrolle über die Geldschöpfung aus der Hand gegeben haben und sie sich dessen nicht mal bewusst sind?


Wer verdient beim Geld?

Wieso ist es für die Banken interessant, Kredite zu vergeben? Auf die Antwort würden vermutlich die meisten kommen: wegen der Zinsen. Als Kreditnehmer bekomme ich 100 Prozent und muss  nach einem Jahr beispielsweise 105 Prozent zurückzahlen. Und an wen gehen die fünf Prozent jährlich? Dies ist der Beitrag für die Banken und ihre Angestellten sowie vor allem aber für die Aktionäre und die Geldanleger. Diesen sind die Banken verpflichtet und nicht der Allgemeinheit – im Gegensatz zu den Nationalbanken. Nach den Berechnungen der deutschen Zinskritikerin Margrit Kennedy profitieren von dem Geschäft mit den Krediten nur die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung. Die anderen 90 Prozent zahlen drauf. Und zwar nicht nur jene, die tatsächlich einen Kredit aufnehmen. Denn sämtliche Güter des täglichen Gebrauchs sind mit durchschnittlich 35 Prozent Zins belastet. Ein Drittel unserer täglichen Ausgaben gehen also für die Tilgung von Zinsbelastungen drauf und fliessen in die Taschen der zehn Prozent Reichen. Auf diesem Weg findet eine gewaltige Umverteilung statt.

Noch krasser ist dies für Entwicklungsländer. Durch den Effekt von Zins und Zinseszins muss hier oft ein Mehrfaches der ursprünglich ausgeliehenen Beträge zurückbezahlt werden. Dagegen fällt die Entwicklungshilfe lächerlich klein aus. Der Punkt, bis zu dem diese Staaten ihre Schulden noch je zurückzahlen könnten, ist längst überschritten.

Und das gilt nicht nur für Staaten der sogenannt Dritten Welt. Auch Griechenland, Portugal, Spanien und Italien stecken ganz gehörig in der Klemme und unterziehen ihren Staatshaushalt richtiggehenden Rosskuren, um nur schon den Zins auf Kredite noch begleichen zu können, von einer Rückzahlung der immensen Staatsschulden ganz zu schweigen. Weitere Länder könnten folgen. So fehlt das Geld für die eigentlichen Aufgaben des Staates. Das Geld der reichsten zehn Prozent arbeitet nicht, sondern wir arbeiten dafür, dass sich dieses Geld weiter vermehrt.

Ein zinsbehaftetes Kreditsystem funktioniert nur unter stetem Wachstum. Irgendwoher müssen die Fünf-Prozent-Mehr ja kommen. Über dieses Wachstum wird uns seit Jahrzehnten erzählt, es sei die Grundlage unseres Wohlstandes und eine unabdingbare Voraussetzung für den Erhalt unserer Arbeitsplätze. Allerdings ist es dasselbe Wachstum, durch das immer mehr Bereiche unseres Lebens der kapitalistischen Verwertungslogik zugeführt wurden, in jüngerer Zeit die Gesundheitversorgung, die soziale Wohlfahrt und die Kultur. Darüber hinaus werden immer mehr Menschen dazu gebracht, in dieser Logik zu denken, wodurch sie sich  bemühen, ihr Leben irgendwie zur Rendite zu bringen. Die meisten Bemühungen bezüglich Umweltschutz und sozialer Gleichheit werden dadurch ad absurdum geführt.


Stagnation führt zum Crash

Doch nun stottert der Motor, und es dämmert die Einsicht, dass unser Planet mit seinen Ressourcen trotz allem begrenzt ist. Bleibt in unserem System jedoch die Option Wachstum verschlossen, kommt unweigerlich der Crash. Selbst Stagnation führt in die Krise. Alternative Ökonomen halten den Zusammenbruch, der sich zurzeit machtvoll ankündigt, für unausweichlich, möchten ihn aber nicht genau terminieren, da das System zu komplex sei.

Wir taumeln aber bereits seit längerer Zeit dem Abgrund entlang. Die beiden Filme Der Schein trügt (2009) und Der Geist des Geldes (2007) erklären diese und weitere Mechanismen. Sie zeigen zum Beispiel auf, dass unser Geldsystem vorwiegend Glaubenssache ist, was sich in der Verwendung ursprünglich theologischer Begriffe in der Ökonomie spiegelt. Im Handel geht es um den «Erlös», in der Kirche um «Erlösung», in der Religion sind wir «Gläubige», in der Wirtschaft agieren «Gläubiger». Ob die Menschen noch daran glauben, beeinflusst die Lebensdauer unseres Finanzsystems entscheidend. Und Zweifel führen sehr direkt zu Abstürzen an den Börsen.

Die Instabilität des Systems führt laut Margrit Kennedy dazu, dass auch viele der profitierenden zehn Prozent an einer besser funktionierenden Alternative interessiert wären, wenn sie mal verstanden haben, wie es um die Gefahren steht. Wie könnte der Crash konkret aussehen? Eine mögliche Situation ist die, die 2008 knapp abgewendet wurde: Die Banken leihen sich gegenseitig kein Geld mehr. Die globalen Finanzströme versiegen. In der Folge bricht auch die reale Wirtschaft zusammen. Die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern kommt zum Erliegen.

Es gibt auch Stimmen, die sagen, dass wir nicht allzu überrascht sein sollten, wenn die Politik zu einem bestimmten Zeitpunkt auf Währungsreformen setzt. Es ist noch gar nicht so lange her, dass auch in Europa auf dieses Mittel gesetzt werden musste. Wir haben dies in den letzten Jahrzehnten aber erstaunlich erfolgreich verdrängt. Tritt der Fall ein, ist es trotz des Schocks interessant, darauf zu achten, wer geschützt wird und wer die Rechnung schlussendlich zu zahlen hat. Wenn sich niemand wehrt, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die ärmeren 90 Prozent für den Schaden geradestehen müssen.


Ginge es auch anders?

Was könnte zu einem gerechteren und stabileren System führen? Wie könnte ein Neustart aussehen? An dieser Stelle kommt meist die Frage, ob man als Kritiker das Geld gleich ganz abschaffen wolle und ein Zurück zum Tauschhandel ernsthaft als Alternative in Betracht ziehe. Darauf kann es nur eine Antwort geben: nein! Viele Occupy-Aktivisten sind kritisch eingestellt bezüglich der Funktionsweise unseres heutigen Bankensystems. Damit befinden sie sich aber eigentlich in guter Gesellschaft. Die Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum kannten ein Zinsverbot. Im Islam ist dieses Verbot bis heute teilweise noch in Kraft.

Und vielleicht muss man ja das Zinssystem gar nicht generell verbieten, sondern einfach durch Risiko- und Bearbeitungsgebühren ersetzen. An möglichen Lösungen arbeitet derzeit der Verein Monetäre Modernisierung, der eine Volksinitiative plant und Unterstützung geniesst von namhaften Ökonomen wie dem emeritierten Ökonomieprofessor Hans Christoph Binswanger. Sie wollen dank einer Vollgeldreform die ausufernde Geldschöpfung durch die Privatbanken verhindern und so der Bundesverfassung wieder zu ihrem Recht verhelfen.

Laut Bernard Litaer, einem ehemaligen Notenbanker von Belgien, würde mehr Vielfalt an Währungen zu mehr Stabilität führen. Ähnlich wie in der Landwirtschaft ginge es um eine Abkehr von der Monokultur staatlicher Einheitswährungen. Wir brauchen Komplementär- und Regionalwährungen als Ergänzung zu den grossen Währungen. Und in diese Richtung bewegen wir uns bereits. Flugmeilen und Cumuluspunkte sind Komplementärwährungen. Wenn auch eine ohne spezielle Regelungen durch ethische oder ökologische Überlegungen. Der in der Schweiz verbreitete WIR ist eine andere Form von Komplementärwährung. Regionalwährungen helfen die regionalen Kreisläufe zu stärken. Im Vorarlberg und in vielen Regionen Deutschlands gibt es gut funktionierende Regionalwährungen. In Bristol können städtische Abgaben mit regionalem Geld bezahlt werden. In der Schweiz sind Regionalwährungen aber kein grosses Thema. Vielleicht geht es uns einfach zu gut mit dem stabilen Franken. Regionalwährungen haben vielfach einen Mechanismus der Entwertung eingebaut, so dass es uninteressant ist, diese zu horten. So bleibt das Geld garantiert ein Tauschmittel.

Weitere Alternativen sind sogenannte Zeittauschsysteme. Diese sind auch im sozialen Bereich sehr spannend. Japan hat mit dem Furreai Kippu in der Altenbetreuung ein System eingeführt, das zunehmend auf Beachtung stösst. Für jede geleistete Stunde kann zu beliebigem Zeitpunkt auch eine bezogen werden.


Ein Bewusstseinswandel?

Vermutlich wird ein Neustart bezüglich unseres Geldes aber nur dann möglich, wenn zuerst eine Transformation des Bewusstseins passiert, wie sie der alternative US-Ökonom Charles Eisenstein in seinem Buch Der Geist von Occupy propagiert – und in ihren ersten hoffnungsvollen Ansätzen auch beobachtet. Margrit Kennedy hält neben praktischen Veränderungen ein anderes Denken für notwendig. Laut dem deutschen Philosophen Peter Sloterdjik gilt es, Abschied zu nehmen von 500 Jahren Wachstumseifer und -politik. Das ist kein einfacher Schritt.

Aber dieses Thema braucht in meinem Artikel nicht auch noch abgehandelt zu werden, darf ich doch davon ausgehen, dass SPUREN-Leserinnen und -Leser bereits Spezialistinnen und Spezialisten für Bewusstseinswandel sind. Vielleicht bekommen wir diesen Wandel ja noch hin, bevor der Crash eintritt.

Autor: Manuel Lehmann  


Der Artikel erschien erstmals im Magazin SPUREN (www.spuren.ch) – vielen Dank dafür!

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