Die Stille in Dir – Thomas Schmelzer

Wie finden wir inneren Frieden – trotz und inmitten stürmischer Zeiten? Viele Weisheitslehren sind sich darin einig, dass wir eigentlich immer Zugang zu der Stille in uns haben – der Schlüssel dazu ist die Meditation.

von Thomas Schmelzer

 

Derzeit haben viele Menschen das Gefühl, dass die Zeit immer schneller voran schreitet. Es gibt sogar erste wissenschaftliche Untersuchungen, die bestätigen, dass durch eine Veränderung des Magnetfeldes der Erde sich auch in unserem Gehirnströmen etwas ändert, und die Zeit subjektiv immer schneller zu vergehen scheint. Ertappen sie sich auch dabei, wie Sie manchmal sagen: „Ich habe einfach zu wenig Zeit. Wie soll ich das schaffen?“. Angst um die Zukunft, Informationsüberfluss, Berieselung durch Medien jeder Art – an „Beschäftigung“ mangelt es uns wahrlich nicht, und es bedarf einer gewissen Disziplin, sich davon auch mal eine Auszeit zu nehmen.

Geht das denn? Verpasst man da nicht etwas? Das mag uns unser gewohnheitsmäßiges Denken suggerieren – aber probieren Sie es aus. Schaffen sie sich kleine Inseln in ihrem Leben, in denen Sie: Nichts tun. In denen sie einfach nur da sind. Das ist am Anfang vielleicht sehr ungewohnt, ist aber zugleich der Beginn einer spirituellen Praxis, der Beginn von Meditation und innerem Frieden.

Vielleicht hilft Ihnen da ein Bild: Jeder Hurrikan hat ein Zentrum. Im „Auge des Hurrikans“ herrscht Stille. Im Zentrum allen Seins ist Einheit. Auch wir Menschen haben so ein Zentrum. Manche sagen, es ist im Herzen – ein Punkt im Zentrum unserer Brust.

Die äußere Welt tut, was sie tut, und wir haben die Wahl, ob wir uns weiterhin von ihr mitreißen lassen, oder ob wir ganz bewusst einmal nicht auf all die äußeren Bewegungen blicken. Ängste, Wünsche, Hoffnungen – Gedanke, Ideen, Gefühle – all dies ist immer da. Im Äußeren wie in unserem Geist. Wenn wir aber ins Zentrum dieser Winde blicken, entsteht Frieden. Das braucht Übung, aber das Ergebnis lässt nicht lange auf sich warten. Selbst, wenn Sie nach einer ersten oder zweiten Meditation überzeugt sind, „alles falsch gemacht“ zu haben, geht es ihnen danach unter Umständen schon viel besser: Sie sind innerlich ruhiger geworden.

Oft lassen wir uns treiben, identifizieren uns mit allerlei Filmhelden, Ideen und Wünschen, weil es  schwer fällt, nichts zu denken. Weil dann unverarbeitete Ängste, unangenehme Gedanken oder ähnliches bewusst werden. Das ist aber ganz normal: Wenn wir ruhiger werden, nehmen wir den „inneren Lärm“ einfach nur deutlicher wahr. Ein spiritueller Meister sagte einmal: „Kontemplation ist das Ende der Flucht!“.

Mag sein, dass Sie gar keine Lust haben auf diese Stille. Und wenn es Ihnen damit gut geht, wunderbar! Viele aber merken immer mehr die Unruhe, die Schnelligkeit im Leben, sind immer mittendrin statt nur dabei und sehnen sich nach einer innerlichen Auszeit.

Meditation zu lernen ist einfacher und schöner, wenn man es in einer Gruppe macht. Wenn Sie den Wunsch haben: Schauen Sie sich um. In jeder Stadt gibt es allerlei Meditationsgruppen. Vertrauen Sie ihrem Gefühl und gehen Sie einfach mal in eine Probestunde – solch Meditationen werden meist umsonst oder gegen eine ganz kleine Gebühr angeboten.

Trotzdem ist es empfehlenswert, die Meditation auch allein durchführen zu können. Nur so sind Sie unabhängig, und können beispielsweise in einer Arbeitspause im Park oder einem stillen Raum fünf Minuten lang in die Stille gehen.

Die Meditation, die ich Ihnen vorschlagen möchte, klingt einfach und ist es auch – zugleich aber ist gerade das Einfache am Anfang schwer zu erreichen. Es ist ein bisschen wie Gegen-den-Strom schwimmen: Unbewusst mit Allem dahin schwimmen ist einfach. Wir bleiben in gewohnten Bahnen. Wenn wir aber zur Quelle wollen, müssen wir uns umdrehen, gegen den Strom. Dann erscheint uns das Entgegenkommende um ein Vielfaches anstrengender, und das ist es zu Beginn auch. Auch wenn wir uns hinsetzen und in die Stille blicken wollen, meldet sich erst mal stärker als je zuvor unser ganzer Gedanken- und Gefühlswust, den wir erschaffen haben, der in uns lebt. Die Kunst ist nun, dies nicht abzuwehren, sich aber auch nicht damit identifizieren.

Der Beginn der Übung heißt: Sitzen, wahrnehmen. Nach und nach, so heißt es, wird dieser wilde Strom ruhiger. Nach und nach erfassen wir Zipfelchen der Stille. Je öfter man Meditation praktiziert, umso leichter gelingt es, diese Stillephasen länger werden zu lassen.

Nun gibt es viele Methoden, um zu erreichen, dass die Gedanken immer stiller werden, dass man sich nicht mehr mit ihnen identifiziert. Es geht nicht darum, gar keine Gedanken mehr zu haben – denn das haben wir nur bedingt im Griff – sondern einfach nicht mehr auf jeden „draufzuspringen“. Ein altbekanntes indisches Gleichnis bezeichnete diese Gedanken mal als „Affen auf einem Baum“, die ständig herumtollen. Man kann sie nicht mit Gewalt beruhigen, aber man kann sich zurücklehnen und ihnen zusehen. Ein anderes Gleichnis sagt, dass Gedanken dann wie Wolken an einem vorbeiziehen.

Der Beobachter – das ist eine weitere Entdeckung, die man in der Meditation machen kann. Sich nach und nach vom Trubel der Welt – und der eigenen Gedanken und Gefühle zurückziehen hilft, zwischendurch ein bisschen Abstand von ihnen zu bekommen. Ist das eine Weltflucht? Manche missverstehen Meditation zu diesem Zweck – tatsächlich aber stärkt richtige Meditation die Wahrnehmung dessen, was ist. Der sich zurückgenommene Beobachter kann nun viel freier und „objektiver“ wahrnehmen, welche Gedanken und vielleicht Ängste sich melden. Immer wieder Mal wird es vorkommen, dass sie sich mit dem einen Gedanken oder der andern Idee identifizieren und sich damit beschäftigen. Sobald Sie dies aber merken, können sie das wieder loslassen, sich sagen: „Nein, die nächsten fünf Minuten bleibe ich einfach hier“ – und zurückkommen ins Herz.

Natürlich hat Meditation nur Sinn, wenn Sie das wirklich wollen, und Freude daran haben. Aber, wenn sie´s noch nie probiert haben: Geben Sie sich eine Chance, probieren sie es aus! Denn die Wirkung überzeugt. Immer mehr Neurophysiologen und Gehirnforscher bestätigen die heilsame Wirkung von Meditation auf Körper und Seele. Meditierende selbst lieben diese Tätigkeit, weil, je mehr sie dies praktizieren, ein innerer Friede, ja, Freude entsteht – wie als Bestätigung, dass es eine gute Sache ist.

Vermutlich brauchen wir Meditation in unserer heutigen Zeit mehr denn je – vieles ist im Umbruch, Unruhe überall. Meditation ist ein Werkzeug, das jeder anwenden kann.

Wer Meditation wirklich als inneren Weg vertiefen will, bleibt nicht bei der „Übung“ stehen – so vermitteln spirituelle Traditionen stets auch ethische Ratschläge und Hilfen, wie ein bewussteres Leben im Alltag möglich werden kann. Meditation ist also so etwas wie der Anfang eines wacheren Lebens, weil nach und nach die Erfahrungen von größerer Ruhe und entspannterem Wahrnehmen in das Leben übergehen.

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Soweit zur Theorie. Nun ein Vorschlag für eine Meditation:

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Die „Wer bin ich?“ – Meditation

Die Methode wurde erstmals bekannt durch den indischen Weisen Ramana Maharshi. Sie basiert auf der Einsicht, dass das Einzige, dessen wir uns wirklich sicher sein können, die Erfahrung ist, dass wir existieren. Alles kommt und geht, aber das „Ich bin“ ist immer präsent und spürbar. René Descartes meinte: „Ich denke, also bin ich“. Ramana Maharshi hätte vielleicht gesagt: „Ich bin, also denke ich“. Das Sein ist der Urgrund aller Gedanken.

Suchen Sie sich einen angenehmen Platz, sitzen Sie aufrecht und entspannt.

Nehmen Sie den Platz wahr, spüren Sie Ihre Füße, den Po, die Hände, den Atem.

Lassen Sie den Atem kommen und gehen, beobachten sie ihn dabei.

Vielleicht nehmen Sie Gedanken oder Gefühle wahr. Fragen Sie innerlich: „Woher kommen all diese Gedanken? Wo ist der Quell der Gedanken? Wer ist es, der denkt?“. Versuchen sie ernsthaft, ihren Quell zu ergründen – gehen sie nicht auf den Inhalt der Gedanken ein, verfolgen sie den Urgrund ihrer Energie.

Spüren Sie sich selbst.

Spüren Sie ihr „Ich Bin“.

Versuchen sie, in den Quell dieses „Ich bin“ hineinzuspüren.

Fragen Sie: „Wer bin ich?“

Einige Weisheitsquellen sagen, unsere Essenz, unsere Seele ruht im Herzen.

Spüren sie ihre Quelle, sich selbst, ihre Mitte auch im Körper, im Herzen?

Wenn nicht – es geht nicht darum, den richtigen Ort zu finden – fragen Sie weiter.

Blicken Sie nun immer tiefer in ihr Sein, ihre Quelle – fragen Sie, suchen Sie.

Fragen Sie: „Wo ist die Quelle des Ich bin?“

Fragen Sie und spüren Sie immer tiefer.

Wahrscheinlich kommen immer wieder neue Gedanken – nehmen sie sie wahr.

Fragen Sie wieder: „Wo ist der Quell dieser Gedanken? Wo ist die Quelle meines Seins? Woraus entspringt mein Sein?“

Geben Sie sich Zeit, üben sie dies einige Tage lang. Möglicherweise erleben Sie dabei an einem bestimmten Punkt etwas Ungewöhnliches: Das Fragen hört plötzlich auf, ebenso alle Gedanken. Alle noch eben vorhandenen Empfindungen verschmelzen in einer eigenartigen Stille. Vielleicht ist das dann erst mal ungewöhnlich: bleiben Sie darin. Stellen Sie sich vor, wie sie nun regelrecht in dieser Stille versinken – falls wieder Gedanken kommen, fragen Sie einfach wieder aufs Neue. Diese Stille, in der alle Fragen aufhören – das ist, so sagen einige Weisheitslehrer, die Quelle, aus der alles entströmt.

Vielleicht sind Sie erstaunt, wie einfach das ging – nun geht es darum, diesen angenehmen Zustand der Stille, der vielleicht nur einige Augenblicke das erste Mal heraufschimmert, zu vertiefen. Nach und nach wird er länger. Manche Meister sagen: Wenn es uns gelingt, immer darin zu ruhen, also in uns zu ruhen, dann sind wir voll und ganz in der Wirklichkeit angekommen.

Wenn sie Gefallen daran finden – es gibt faszinierende Bücher über diese Methode und die dahinterliegende Sichtweise, beispielsweise die Buchreihe „Ich bin“ dess indischen Meister Nissagattarda Maharaj. Laut seinen Worten erlangen wir diese Stille, weil wir irgendwann erfahren: Das Sein ist nicht individuell, sondern die grundlegende Wirklichkeit, die einzige Wahrheit. Gedanken sind nicht mehr nötig, wenn wir im Jetzt ruhen. Auch Eckhard Tolle spricht viel von diesem Ruhen in der Stille.

Entscheidend aber ist nicht die dahinterliegende mögliche philosophische Erkenntnis, sondern die Erfahrung. Haben Sie nun etwas mehr Stille in sich gefunden, so ist die Methode sinnvoll und ein gutes Werkzeug. Gerade in unseren heutigen Zeiten brauchen wir solche Anker wie der soeben vorgestellte. Nichts anderes meinte das Orakel von Delphi, das da meinte: „Mensch, erkenne Dich selbst!“

 

© 1/2010 Thomas Schmelzer

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