Der Traum in Zeiten von Social Media – Denis Tengler

Denis Tengler Traum MYSTICA

© kallejipp / photocase.de

In diesem Artikel teilt Denis Tengler seine Erfahrungen mit der Psychodynamik von Träumen im Rahmen gesellschaftlicher Veränderungen. Haben sich unsere Träume und seelischen Befindlichkeiten berändert durch unsere zeitraubenden Social-Media-Aktivitäten? Träumen wir heute weniger, und wenn ja, warum?

von Denis Tengler

 

 

 

 

Während allgemein-kultureller Wandel nur sekundär Beachtung finden wird, möchte ich den Schwerpunkt vornehmlich auf die Veränderung unseres Traumverhaltens durch Social Media legen, da an dieser Stelle ein relevanter Ansatz liegt, mit dem wir unsere Träume besser nutzen können. Die reine Physiologie der Träume ist für diesen Artikel weitestgehend irrelevant, sodass ich auf die Beschreibung physiologischer Vorgänge während des Schlafs & deren Veränderungen, nicht eingehen werde.

 

Träume einst und heute :

Der Traum einst

Natürlich haben unsere Vorfahren aller Zeiten geträumt und den Träume(r)n verschiedene Gewichtungen beigemessen; die Spannweite reicht von Völkern, in denen Träume zur Grundlage der zwischenmenschlichen Kommunikation der Einzelindividuen wurden bis hin zu solchen Völkern, in denen der individuelle Traum unbeachtet blieb und nur die Traumbotschafen des z. B. Stammesführers für relevant befunden wurden. Während weltweit der Traum unterschiedlich gewichtet wird, möchte ich diesen Abschnitt vornehmlich unserer eigenen (Traum-)Kultur widmen und damit natürlich an der Stelle beginnen, bei der eine Systematisierung entwickelt wurde, die in der Lage war, sich weitreichender durchzusetzen, als bis zu diesem Zeitpunkt geschaffene Klassifizierungen, die einem gewissen Anspruch an Wissenschaftlichkeit genügen wollten – bei Freuds Traumdeutung.

In dieser Systematisierung der Träume liegt der Schwerpunkt vornehmlich auf der Ersatzdarstellung männlicher und weiblicher Sexualattribute. Sexuelle Phantasien werden z. B. in Form länglicher Gegenstände als Penisäquivalente klassifiziert, während runde/ aufnehmende Objekte Ersatz für die Vagina darstellen. Die Interaktion dieser Ersatzinhalte im Traumgeschehen stellt somit den eigentlichen Sexualakt dar.

Kritiker werfen dieser Systematik vor, schematisch einseitig orientiert zu sein. Das gehäufte Auftreten sexueller Kontexte in den Träumen während Psychoanalyse und psychoanalytischer Therapie soll vornehmlich darauf begründet sein, dass der Therapeut im Rahmen des Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesses die Erwartung an den Klienten stellt, entsprechende Inhalte „eigenständig“ zu generieren. Während diese Kritik heute durchaus berücksichtigt werden muss, bin ich der Meinung, dass ein abschließender Meinungsbildungsprozess in Bezug auf die Entstehungszeit dieser Klassifizierung nicht möglich ist, da Trauminhalte selbstverständlich durch den Zeitgeist geprägt werden.

Betrachten wir das Krankheitsbild der „echten Hysterie“- die echte Hysterie stellt das verdrängte Verlangen nach sexueller Annäherung dar. In dem Moment, wo sich die Möglichkeit im Sinne eines Verlangens ergibt, sich selbst fallen zu lassen und sich der Begierde hinzugeben, „fällt das Tantchen in Ohnmacht“. Einhergehend mit der weitestgehenden Sexualisierung unseres Alltages ist diese Form der Kompensation heute weitgehend obligat geworden; auch unsere Träume sind heute eindeutiger sexuell und beinhalten wenig Ersatzinhalt; wir Träumen „offen“ von Sex und erleben Orgasmen während des Schlafs.

-> Diese Form der Traumdeutung möchte ich somit als vornehmlich auf den nach außen gerichteten Anteil unserer Sexualität bezogen beschreiben.

C. G. Jung hat diesem Konzept eine weit reichende Konzeption entgegengestellt und, neben den hervorragenden Arbeiten zur Symbolik, insbesondere auf die Fähigkeit des Menschen hingewiesen, archetypische Inhalte zu generieren/ abzurufen. Entgegen der häufig gelesenen, kritischen Expertenmeinung, die Archetypenlehre stelle ein konkretisiertes System fixer Archetypenmuster dar, muss gesagt werden, dass diese Wiedergabe nicht korrekt ist. In der Archetypenlehre geht es vornehmlich um die große Variabilität und die Fähigkeit zur Schaffung selbst, statt um eine Aufstellung fixer Archetypen und deren Definition. Daraus entsteht eine Traumarbeit mit einem hohen Grad an Individualisierbarkeit und, damit eingeschlossen, vielfältigen Deutungsmöglichkeiten, die sich variabel am Klienten orientieren darf.

 

Der Traum heute

Aktuell scheint der Traum für unsere Gesellschaft keine besondere Relevanz zu besitzen. Die meisten von uns wachen morgens auf und verfügen über keinerlei Erinnerung an die Träume der vorangegangen Nacht. Selten werden uns nachträglich Trauminhalte bewusst und wenn dies doch einmal eintritt, dann zumeist nur solche aus der Zeit kurz vor dem eigentlichen Aufwachen, wenn unsere ersten Gedanken bereits um die Aufgaben und Inhalte des beginnenden und des vorherigen Tages kreisen, wodurch eine halbbewusste bzw. vorbewusste Traumsituation generiert wird.

-> Für die meisten von uns dient der Traum heute einzig dazu, die offensichtlichen Erlebnisse des Alltages zu reproduzieren, zu reproduzieren und immer wieder zu reproduzieren.

An dieser Stelle muss die Frage gestellt werden, ob die verarbeitende, integrierende und prophetische Funktion unserer Träume nicht mehr benötigt wird. Wäre dies der Fall, wäre der Artikel an dieser Stelle nicht nur zu Ende sondern auch ziemlich langweilig.

 

Verlust des eigenen Traumbewusstseins

Die meisten von uns leben in der Vorstellung, dass wir heute sämtliche Wahlmöglichkeiten in Bezug auf unsere Lebensgestaltung wahrnehmen können. Tatsächlich kämpft aber jede Generation um Freiheiten, die die Folgegeneration als selbstverständlich annimmt. In unserer Zeit der Kommunikation in der vierten Dimension (nach Johannson) sind unsere Wahlmöglichkeiten faktisch durch den Zwang zur Partizipation am ständigen Dialog nach außen orientiert. Der innere Dialog erfährt eine permanente Fehlsublimierung durch den nach außen gerichteten Kommunikationsdruck und kann als solcher die nach innen gerichtete Funktion nicht mehr ausüben. Dies stellt einen der Kern-Faktoren dar, der dazu führt, dass unsere Trauminhalte nicht mehr ins Bewusstsein gelangen; die Botschaft an den Einzelnen wird zu bedrängend, um zugelassen werden zu können und bleibt schließlich ganz aus, da das Bedürfnis des Menschen nach gelebter Persönlichkeitsentwicklung nicht der tatsächlichen Lebensgestaltung entspricht. Eine sinnlose, überflüssige Internet-Banalkommunikation mit hohem zeitlichen Bindungspotenzial steht den Möglichkeiten des ultraschnellen & weltweit vernetzten Wissensaustauschs entgegen.

 

Wie der Traum nach Hause kommt

Steiner hat lebendig beschrieben, dass der erste Weg nach Innen über die Bewusstwerdung und das Loslassen/Anhalten des inneren Dialoges führt. Daran hat sich nichts geändert! Übertragen auf die heutige Zeit bedeutet dies, dass du zunächst den ständigen, digitalen Außendialog loslassen/anhalten musst, damit du dir des inneren Dialogs wieder bewusst werden und diesen schließlich ebenfalls loslassen kannst. Das klingt zunächst banal; jetzt musst du nur mit dem Unterlassen beginnen und ich lasse dich an dieser Stelle damit alleine, denn es ist gerade das Alleinsein, mit dem du dich auseinandersetzen musst- darüber gelangst du auch zum produktiven, nutzbringenden Einsatz der sozialen Medien.

 

Beispiele für zurückkehrende Träume

Im Folgenden möchte ich dir zwei Beispielträume von Klienten mitteilen, inklusive einer grob zusammengefassten Ausdeutung. Hierbei ist zu beachten, dass sämtliche Traumaspekte individuell bewertet werden müssen. Traum eins ist im regulären Alltag aufgetreten, während der Träumer des zweiten Beispiels diesen transformierenden Traum erst hatte, als die für ihn persönlich relevanten äußeren Bedingungen erfüllt waren, die eine Integration des Inhalts möglich gemacht haben; dennoch bestand für diesen Traum eine Amnesie über viele Stunden, nachdem der Träumer damit begonnen hatte, seine Denkmuster am Folgetag zu hinterfragen. Selbstverständlich dürfen die hier beschriebenen Träume als Beispiel verwendet werden.

–  Ein Klient, der sich in der Regel nicht an seine Träume erinnern kann und dessen Träume, wenn er sich mal daran erinnern kann, durch Inhaltslosigkeit gekennzeichnet sind, nimmt sich erstmalig vor, sich an seine Träume zu erinnern und träumt in der Folgenacht, dass er die Tageszeitung liest. In der Zeitung wird sein eigener Berufsstand diffamiert und mit lächerlichen Zusatzbezeichnungen beschimpft; in der Zeitung gibt es naturgemäß keine Möglichkeit, sich momentan zu rechtfertigen.

-> Dem Träumer wurde daraufhin sein eigenes Minderwertigkeitsgefühl und sein ständiges Ausagieren in Form selbstrechtfertigender Kommunikationsmuster bewusst. Beides hatte bislang einen ökonomischen Einsatz seiner eigenen Ressourcen in Bezug auf seine Arbeit und seine Mitmenschen verhindert.

– Ein weiterer Klient, der niemals einen Traum von hoher Prägnanz mit komplexen Inhalten erlebt hat, träumt, er sei ein männlicher Adliger und er befinde sich in einer Blechhütte. Außen steht das versammelte Volk und wartet auf eine Rede, jedoch gibt es in diesem Traum keine Notwendigkeit, die vorbereitete Rede tatsächlich zu halten; es ist sogar völlig indifferent, ob der Adlige die Rede vorträgt oder nicht – sowohl für ihn selbst als auch für das versammelte Volk ist es schlicht egal. Daraufhin beschließt der Adlige, die Tür anzulehnen und autosexuelle Techniken zu praktizieren.

-> Dem Träumer wurde durch diesen Traum bewusst, dass sein eigenes Verhalten bisher vornehmlich reaktiv durch die Umwelt gesteuert wurde und nur wenig Selbstliebe beinhaltet hat. Für den Träumer war der Traum im höchsten Maße relevant und mit konkreten Veränderungen von Einstellungen, Empfindungen und Bewertungen seiner inneren Umwelt verbunden.

 

Abschluss

Dieser Artikel soll seine Wirkung zeitverzögert entfalten. Dies wird dann am besten geschehen, wenn du für heute vergisst, dass du diesen Artikel gelesen hast und dich zudem daran hältst, was du über das Anhalten des äußeren Dialogs erfahren hast; damit kannst du bei diesem Artikel beginnen.

 

 

Über Denis Tengler:
Denis Tengler ist Heilpraktiker in eigener Praxis in Seeheim-Jugenheim. Da seine Laufbahn im Sportbereich als Athlet und Autor begonnen hat, wird seine Praxis vornehmlich von Sportlern und Sportlerinnen besucht. Er verbindet im therapeutischen Bereich verschiedene körper- und persönlichkeitsbezogene Verfahren, während seine Tätigkeit im Sportbereich heute z. B. Trainingsoptimierung, Sportrehabilitation, Wettkampfbetreuung sowie die Nachbehandlung von Sportverletzungen beinhaltet.

www.Strength-Coaching.com

Merken

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (3 Stimmen, Durchschnitt: 4,33 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.