Aspekte der Weihnacht – Christian Salvesen

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© Hindemitt / photocase.de

Weihnachten mal anders betrachtet: Unser Autor Christian Salvesen blickt zurück in seine Kindheit als Pastorensohn, untersucht den Begriff des Avatars, der auch in anderen Traditionen eine Rolle spielt und fasst Thorwald Dethlefsens spirituelle Deutung von Weihnachten als die „Geburt des Lichtes“ zusammen.

von Christian Salvesen

 

 

Weihnachten naht. Die Lieder und Lichter in den Einkaufstraßen künden vom Fest der klingelnden Kassen. Manch einer fragt sich vielleicht, worum es bei diesem eigenartigen Event eigentlich geht. Ursprünglich sicher nicht nur ums Geschäft. Soviel vorab: Unsere abendländische Zeitrechnung bezieht sich auf Christi Geburt, auch wenn die laut historischer Forschung 4-7 Jahre vor dem offiziell angenommen Datum stattfand. Wir schreiben Anno Domini 2016.

 

Krippenspiel

Ich wuchs in einem evangelischen Pfarrhaus auf, als Ältester von fünf Geschwistern. Für uns Kinder war Weihnachten ein aufregendes Fest. Das lag unter anderem daran, dass unsere Eltern beruflich voll im Einsatz waren. Meine Mutter probte in der Adventszeit mit der Dorfjugend das Krippenspiel ein. Es bildete stets den Höhepunkt des Gottesdienstes am Nachmittag des 24. Dezembers, Heiligabend. Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt, es kamen Schaulustige aus der weiteren Umgebung, sogar von Hamburg. Meine Mutter setzte sich dabei voll ein, über 40 Jahre. Ich spielte einige Jahre einen Hirten, der zur Gitarre Lieder sang wie: „Kommet ihr Hirten“ und „Ich steh an deiner Krippen hier“. So eroberte ich das Herz meiner Angebeteten aus dem Nachbarsdorf, mit der ich bis heute verbunden bin.

Das Krippenspiel reicht zurück bis ins 11. Jahrhundert. Es erzählt die Weihnachtsgeschichte. Oft wird der Text aus dem Lukasevangelium an den Anfang gesetzt:
In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen.
So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ ( Lk 2,1–7 EU)

Meine Mutter besorgte sich immer wieder neue Vorlagen, versuchte auch gelegentlich modernere Fassungen, doch die Story blieb natürlich dieselbe. Die Hirten auf dem Felde erfahren, zunächst erschrocken, die „Frohe Botschaft“ von den Engeln. „Denn siehe, euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Sohn Gottes“ (aus der Erinnerung zitiert). Und einer dieser heute wieder so populären Lichtwesen erschien dann auch auf der Kanzel, wo sonst mein Vater stand und sang: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“ Dieser strahlende Verkündigungsengel wurde von einer Dorfschönheit mit langen blonden Haaren gespielt. Ich war in sie verknallt, doch meine inbrünstig vorgetragenen Hirtenlieder ließen sie kalt. Engel sollen ja ungeschlechtliche Wesen sein.

In den auf allen Weihnachtsmärkten erhältlichen Krippen tummeln sich neben Joseph, Maria, dem Christkind und den Hirten auch einige Tiere, allen voran Ochse und Esel. Der Ochse steht für das Gott ergebene Volk Israel, der Esel für die störrischen Heiden, die aber auch eine Chance bekommen, gerettet zu werden. Der heilige Franziskus predigte zu Weihnachten in Anwesenheit echter Tiere, die das ihnen gebotene Heu in der Krippe verzehrten während sie andächtig den Worten lauschten.

Und nicht zu vergessen: Die heiligen drei Könige aus dem Morgenland. Beim Artlenburger Krippenspiel musste einer sein Gesicht mit Kakao einschmieren und als Mohr auftreten. Das war – rückblickend – eine psychologische Vorbereitung auf die Flüchtlingskrise 2015.

Bis wir dann endlich ins Weihnachtszimmer durften, vergingen noch Stunden nach dem Krippenspiel. Das Ritual war stets gleich. Meine Mutter klingelte mit einem Messingglöckchen und sang: „Kling Glöckchen klingelingeling.“ Im Amtszimmer stand ein großer Tannenbaum, geschmückt mit roten Äpfeln, Strohsternen, etwas Lametta, die Kerzen brannten – soweit ich mich erinnern kann – mindestens einmal den ganzen Baum nieder. Bevor wir uns an die Geschenke machen durften, die nicht der Weihnachtsmann, sondern streng nach Martin Luther das Christkind gebracht hatte, mussten Gedichte aufgesagt und etliche Weihnachtslieder gesungen werden. „Ihr Kinderlein kommet“, „Oh du Fröhliche“, „Vom Himmel hoch, ihr Englein kommt“, danach Lieder von Martin Luther und Paul Gerhart, gelegentlich auch die eher profanen wie „Stille Nacht“ und „O Tannenbaum“.

 

Avatar: Gott wird Mensch

In manchen alten Weihnachtsliedern sind biblische Hintergründe angedeutet, so auch in diesem Lied von 1598:

Es ist ein Ros‘ entsprungen aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen, von Jesse (Jesaja) kam die Art
und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.

Der Prophet Jesaja hatte schon im Alten Testament angekündigt: „Und ein Reis [= Spross] wird hervorgehen aus dem Stumpfe Isais, und ein Schössling aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen.“ (Jes. 11,1a LUT)

Ob damit wohl die Geburt von Gottes (einzigem) Sohn gemeint war?

Zum theologischen und historischen Hintergrund von Weihnachten gäbe es so manche „Mär“. Das fasse ich hier knapp zusammen. Der Apostel Paulus wies in Briefen an die frühchristlichen Gemeinden (hier an die Gemeinde in der Stadt Philippi, um 50 nach Christi Geburt) auf die Bedeutung eben dieser Geburt hin, die heute unsere Zeitrechnung bestimmt. Gott selbst habe sich in Gestalt eines Menschen „entäußert“.

Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ‚Jesus Christus ist der Herr‘ – zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (.Phil 2,5–11 EU)

Im Johannes-Evangelium heißt es, das „Wort sei Fleisch geworden“. Das klingt noch mysteriöser und abstrakter. „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. …Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,9–14 EU)

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„Himmelerde“ von Christian Salvesen (Farbstiftzeichnung)

Die Vorstellung, dass sich Gott als Mensch inkarniert, finden wir auch in anderen Kulturen und religiösen Traditionen. In Indien steht dafür der Avatar. Dabei spielt auch die Frage eine Rolle, wie dieser Gott in den Körper der menschlichen Mutter gelangt. Jungfrauengeburt – das war schon vor Maria ein Thema für Theologen aller Glaubensrichtungen. Doch die Jungfrau Maria ist wohl der bekannteste Fall, eine Art Archetyp, in unzähligen großen Kunstwerken verewigt und besonders zu Weihnachten immer wieder gerne vorgezeigt.

In der Kirchengeschichte wurde wie um vieles andere auch darum gestritten, wann Jesus wohl gezeugt wurde. Mariä Empfängnis. Wann schwängerte sie der Heilige Geist? Schließlich einigte man sich auf den 25. März, das angenommene Todesdatum am Kreuz, und kam schon rein rechnerisch auf den 25. Dezember als Tag der Geburt. Zugleich wollten die Bischöfe der noch verfolgten Christengemeinden die Geburt Jesu als einen Gedenktag etablieren, und da kam die Feier des römischen Sonnengottes „Sol Invictus“ (Besieger des Todes) am 25. Dezember gelegen. Ab wann tatsächlich Christi Geburt in Gottesdiensten und Messen zelebriert wurde, ist nach wie vor umstritten. In Rom und Konstantinopel sicher im 4. Jahrhundert und in Bayern ab dem 8. Jahrhundert.

Mittlerweile wird Weihnachten weltweit gefeiert. Das englische „Christmas“ weist auf die lateinische Messe, das deutsche „Weihnacht“ stärker auf germanische Wurzeln (wihe=geweiht). Gelegentlich wurde und wird die Feier verboten, zum Beispiel in Somalia 2014 von Islamisten, obwohl die Weihnachtsgeschichte im Koran erzählt wird. Jedes Land hat eigene Rituale und Bräuche rund um Weihnachten entwickelt. Und es ist eben ein Familienfest. Man trifft sich wieder und übt sich in Harmonie. In meiner Familie gab es, als ich später von außen als Student hinzukam, eher unerfreuliche Konfliktaufarbeitungen. Darüber konnten auch die Weihnachtslieder und die Hausmusik nicht hinwegtäuschen.

 

Die spirituelle Bedeutung von Weihnachten nach Thorwald Dethlefsen

Der Diplompsychologe und Psychotherapeut Thorwald Dethlefsen (1946 – 2010) wurde durch seine Bestseller „Krankheit als Weg“ (mit Ruediger Dahlke) und „Schicksal als Chance“ einem Millionenpublikum bekannt. In einem Vortrag von 1995, „Die spirituelle Bedeutung von Weihnachten“, geht Thorwald Dethlefsen auf den Mythos ein, der jenseits aller Sentimentalität oder auf Historie beschränkter Theologie Weihnachten als eine innere Wirklichkeit lebendig werden lässt – als eine „Geburt des Lichtes“ in jedem, der aufrichtig nach der Wahrheit sucht.

Thorwald Dethlefsen entdeckte das zentrale Grundmuster, das hinter dem Schicksal eines jeden Menschen steht: Der Mensch lebt in der Polarität und agiert zwischen Schuld und der Sehnsucht nach Ganzwerdung. Er kann die Erlösung aber nur dann erreichen, wenn er lernt, den Weg nach innen zu gehen. Dethlefsen hat sein gesamtes Leben der Aufgabe gewidmet, diesen Entwicklungsprozess für jeden Menschen einsichtig und gangbar zu machen.

In seinem Vortrag führt er die auf Einmaligkeit und Exklusivität bedachte dogmatische christliche Theologie klar ad absurdum: Ein Festhalten an Fakten oder überlieferter Geschichte tötet den inneren Kern, die lebendige Wirklichkeit, das ewige „Muster“ hinter den Manifestationen. Die Geburt des Christkindes ist ebenso Ausdruck eines Archetyps wie die von Krishna, und die Feier der Lichtgeburt um diese dunkelste Jahreszeit findet sich in fast allen Kulturen zu allen Zeiten. Die 150 verschiedenen Versionen der frühen Christen, wann Jesus geboren wurde, vereinte Papst Julius im vierten Jahrhundert durch die offizielle Festlegung auf die Nacht vom 24. zum 25. Dezember, in Anlehnung an die „heidnischen“ Rituale der alten Römer.

Dethlefsen betont, dass das Licht nur in der Dunkelheit gefunden werden kann und nicht etwa in der „Zeit der Löwen“, im Sommer, wo das Ego im Licht der Welt glänzt. Das Ego wird schwächer nach dem Zweifel und der Depression des Herbstes, zugleich, sozusagen von der göttlichen Seite her, stirbt oder verengt sich freiwillig das Bewusstsein in die Materie, in Maria, in die Form: „Das Licht tritt (ein) in (die) Erscheinung. Die Jungfrau Maria („Maya“, „Mater“, „Mare“, „Meer“, „Meera“) repräsentiert jede empfängliche Seele, die sich, ohne sich mit der Vergangenheit zu identifizieren („unbefleckt“), dem inneren Licht der Wahrheit öffnet (wie auch Meister Eckhart bemerkt).

Zimmermann Joseph baut die Welt – er vertritt das Prinzip des Mannes, der diese Welt, die wir alle jetzt auf Erden erleben, erbaut hat. Da es in den weltlichen Herbergen, das heißt in unseren Köpfen keinen Platz für Neugeburten des Herzens gibt, bleibt nur der Stall übrig (zerfallene Mauern, Höhle, Unterkunft der Tiere, Gefängnis des Körpers). Die Hirten müssen übrigens, da sie keine Mysterienschule besuchen konnten, ihre Mützen beim Anbeten des Kindes abnehmen – aus Ehrfurcht; die drei Weisen aus dem Morgenland dagegen behalten ihre Kronen auf, denn sie haben sie sich ehrlich verdient. Der Weg des Herzens (Hirten) wird vom Mythos gezeigt und ist dem des Geistes („Magier“) mindestens ebenbürtig. In einer Version der Weihnachtsgeschichte sind es die Hirten, welche die Weisen schließlich zur Krippe führen. In der dunkelsten Nacht, zu dieser Zeit, das heißt jetzt, wo ich dies lese, wird Christus geboren. Wo? In mir.

Dethlefsen fasst zusammen: „… Das Licht scheint in der Finsternis“ wäre die kürzeste Formel, auf die man das Geschehen bringen kann. Und Johannes formuliert: „Die Finsternis hat’s nicht begriffen.“ Weihnachten ist die Aufforderung es zu begreifen, Weihnachten ist die Aufforderung, in dem Bereich, wo man es vielleicht nicht sucht und nicht vermutet, dort in der dunkelsten Nacht, in der dunkelsten Zeit des Jahres, die Geburt des Logos, die Geburt des ewigen Lichtes, die Geburt Gottes in uns zu verwirklichen. Alle Jahre wieder. Und damit, so meine ich, ist Weihnachten ein hoch aktuelles Fest. Keine Gedenkfeier „damals vor 2000 Jahren“. Wir sollten diese Unverbindlichkeit einer solchen Betrachtung wieder ersetzen durch die Verbindlichkeit eines Prozesses, der in jedem einzelnen alle Jahre wieder in uns stattzufinden hat. Wir müssen um dies Lichtgeburt ringen. Wir müssen zum Stall werden, in dem dieses Christkind, in dem das Licht oder eben der Menschensohn geboren und damit sichtbar wird.

 

Über Christian Salvesen:

Er ist Autor, Künstler und Kenner der spirituellen Szene. 1951 in Celle geboren, Magister der Philosophie und Musikwissenschaften, Komponist und Musiker, arbeitet seit über 20 Jahren als Journalist/Redakteur und hat etliche Bücher veröffentlicht, darunter „Advaita“ und „Liebe – Herz aller Weltreligionen“. In den 80ger Jahren leitete er in eigenen, erfolgreichen Rundfunksendungen beim WDR und NDR zur Meditation und zum Bewussten Hören an. Er lebt mit seiner kanadischen Ehefrau in der Nähe von München. Alles weitere erfahren Sie auf www.christian-salvesen.de

 

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